Montag, 15. Januar 2018

Rhetorik

Einen Beitrag zur Art, wie Pfarrer predigen, von Von Stephan Wehowsky, 12.01.2018, in Journal 21

Predigerton
Die einen fallen durch ihre sich überschlagenden Stimmen auf, die anderen durch das Absenken ihrer Stimmen an Satzenden. Während Sportreporter rasend schnell sprechen können, erinnert der Redefluss der Theologen an eine 30er-Zone.
Woran liegt das? Sportreporter müssen ihr Tempo den Spielverläufen anpassen. Und natürlich sind sie „ganz dabei“. Man versteht, dass sie so klingen, wie sie klingen. Pastoren sprechen gemächlich, denn sie haben es mit ewigen Wahrheiten zu tun. Aber woher kommt dieser eigentümliche, unverkennbare Klang?
Der Philosoph Kurt Flasch, der sich zeit seines Lebens intensiv mit der christlichen Philosophie und Theologie beschäftigt hat, sprach Anfang der 1970er Jahre in einer Vorlesung über die „Philosophie der Religion“ vom „sprachlichen Knacken“ der Theologen. Wenn man sich mit ihnen unterhalte, so Flasch, redeten sie wie ganz normale Zeitgenossen, aber wenn sie auf der Kanzel stünden, verfielen sie in ihren unverkennbaren Predigerton.
Mittlerweile sind neue Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern herangewachsen. Über Religion sprechen sie nicht mehr so gerne. Alltagserlebnisse sind ihnen wichtiger. Sie möchten ja sein wie du und ich. Aber der Predigerton ist ihnen geblieben. Vielleicht ist er sogar noch penetranter geworden.
Woran liegt das genau? Entsteht dieser Ton, wenn Aussagen feierlich, aber auch vage bleiben? In solchen Situationen hört man den Predigerton auch bei Politikerinnen und Politikern. Er wäre eine nähere Untersuchung wert. Wer könnte sie vornehmen: Linguisten, Psychologen, Soziologen – oder Theologen? Oder ein Immunologe wegen der Ansteckungsgefahr?
Dazu Otto:


Interessant wäre es, diesen Text von Oliver Kalkofe selber zu sprechen - und damit die Ausdrucksweise zu lernen.


Dazu die Tipps zur Stegreifrede von Thomas Skipwith, den ich selber mal erlebt habe.

Stegreifrede

Es gibt verschiedene Methoden

Checkliste für Stegreifrede

1 Auftreten
Lächele. Lächeln wird Dir helfen, dass Du Dich gut fühlst und eine positive Einstellung zum Input gewinnen. Nimm eine aufrechte Haltung ein. Lassen Sie die Schultern nicht nach vorne hängen, sondern drücken leicht nach hinten. Zusammen mit einem Lächeln ist diese Haltung der Schlüssel für positive Gedanken.

2 Entschuldige Dich nicht
Hab Freude am Input! Verliere keine Gedanken daran, wieso das zu ungewöhnlich oder zu schwierig usw. ist. Vermeide Sätze wie: „Ich mache das jetzt zum ersten Mal. Ich hatte nur wenig Zeit“ Falls Du umfällst, steh (einfach) wieder auf.

3 Einstieg

Du musst die Zuhörer nicht (nochmals) begrüssen, sondern komm gleich zur Sache. Der erste Satz musst Du aufgeschrieben haben und auswendig können. Im ersten Satz nennst Du das Thema, im zweiten Satz Deine Motivation.

4 Blickkontakt halten

Es ist wichtig, dass Du den Zuhörer in die Augen siehst. Versuche die Gedanken bei den Zuschauern zu holen und nicht an der Decke, auf dem Boden oder an den Fingernägeln.

5 Pause machen - Äh’s vermeiden

Falls Du gerade nicht mehr weiter weisst, sagen Sie einfach nichts. Mache eine (kurze) Pause. Wenn Du nicht weisst was zu sagen, dann ist es besser Du schweigst als die Ruhe mit Äh’s zu füllen. Wiederhole einfach den letzte Satz nochmals. Dann folgt der nächste automatisch.

6 Redeformel nutzen

Nutzen Sie die Redeformel G-H-M.
G = Gestern -> was war, was habe ich gehört, gelesen
H = Heute -> was ist, was meine ich selber dazu
M = Morgen -> was wird / könnte werden, was erhoffe ich mir

7 Zusammenfassen

Fasse kurz zusammen, was Du gesagt hast.

8 Schlusswort

Die letzten 3 Sätze sind auch aufgeschrieben und auswendig gelernt:
- Was ist mir wichtig?
- Was macht mir Mut?
- Was hoffe ich für die Zuhörer?


5 Schritte Methode:
  1. Beginnen Sie mit einem einleitenden Satz, nennen Sie das Thema.
  2. Nennen Sie dann zuerst die Pro-Argumente (Was gibt es Positives zum Thema zu sagen?).
  3. Nennen Sie danach die Kontra- Argumente (Negatives).
  4. Bewerten Sie die Argumente in Ihrem Sinne (Welche Argumente überwiegen – Pro oder Kontra?).
  5. Formulieren Sie schließlich das Ergebnis (Was ist Ihre Botschaft?).

Themen für Stegreifreden gibt es bei www.descubris.ch

Predigt, Reden, Rhetorik, Betonung, Langweile

Samstag, 13. Januar 2018

Glaube

Was heisst glauben? Wer ist Gott? Und vor allem wie kann man missionieren, im Namen des Glaubens agieren?

Oliver Kalkofe ist bestürzt über das Attentat gestern in Paris. Seine Worte richten sich zwar an die Terroristen, sind aber auch für jeden der glaubt bedenkenswert.



Glaube, Missionieren, Mission, Fanatismus, IS, Terroristen

Sonntag, 7. Januar 2018

Pubertät

Eltern sind nicht allein und doch muss jede Mutter oder Vater das persönlich selber durchmachen.

Hier ein guter Bericht aus Spiegel von 2010

Lass mich (nicht) los

Die Flegeljahre ihrer Kinder stürzen viele Eltern in die Krise: Sie sind genervt, überfordert, fühlen sich ausgenutzt, Erziehung scheint sinnlos. Doch gerade jetzt werden sie besonders gebraucht.
Neulich klingelte bei Jan-Uwe Rogge mitten in ei-ner Sitzung das Handy. Eine aufgeregte Mutter war dran, die dringend Entscheidungshilfe bei dem Hamburger Familienberater suchte. "Mein Sohn ist ohne Benzin auf der Autobahn liegengeblieben, er hat mich angerufen, ich soll sofort hinfahren und ihm helfen, er hat solche Angst, wenn die Polizei kommt - was mach ich bloß?"
"Gar nichts", antwortete Rogge kühl, "es ist sein Problem." Der Sohn in Not war 42 Jahre alt.
Das kleine Drama auf der Autobahn zeigt, was passieren kann, wenn etwas nicht funktioniert, für das die Pubertät da ist: die Ablösung der Kinder von den Eltern. Wie selbstverständlich ging der längst erwachsene Sohn davon aus, dass seine Mutter ihm helfen muss - und die fühlte sich spontan in der Pflicht.
Dabei scheint es doch ein Naturgesetz: In der Pubertät zoffen sich Eltern und Kinder, logo, die Kids lassen die Alten richtig schön auflaufen. Alle Eltern wissen, das kommt auch auf sie zu, sie haben es ja selbst erlebt: Ihre eigenen Erzeuger fanden sie nur noch ätzend damals, hassten sie gar, und wenn es Kommunikation gab, bestand sie aus Türenknallen, Schreierei, Heulkrämpfen. Irgendwann war es vorbei, vielleicht aus beidseitiger Erschöpfung oder weil die Hormone endlich Ruhe gaben. Man weiß bloß noch, wie schön es war, endlich auszuziehen und lauwarme Büchsenravioli zu essen statt Schweinebraten von Mutti.
Doch dann kommt der Tag, an dem die eigene Erfahrung wenig nützt. Für viele ist die Pubertät die schlimmste Zeit ihrer Elternschaft. "Ist das noch mein Kind?", fragen sich geschockte Mütter und Väter. Und wenn die Teenies im Chaos ihrer Gefühle wie auf einem Sprungtuch von einer Höhe in die nächste Tiefe rauschen, haben die Eltern einen undankbaren Part: Sie sind das Trampolin.
Wer soll das aushalten? Vor allem diese "permanente Absage, die rotzige Muffigkeit, diese andauernde schlechte Stimmung" nerve sie, klagt eine Münchner Mutter - obwohl sie weiß, "dass die Abgrenzung, diese Zurückweisung stattfinden muss".
Die Kunst ist, es nicht persönlich zu nehmen - "aber genau das tut man", sagt die Mutter, zwei ihrer drei Kinder sind in der Pubertät. So nah und vertraut war einem das Kind, so toll seine Sprachentwicklung, plötzlich verstummt es, blökt allenfalls rum, verkrümelt sich in eine andere Welt, zu der man keinen Zugang mehr hat. "Dieser krasse Wechsel, der ohne Vorwarnung kommt, ist verstörend", sagt der Vater. "Man fühlt sich wie eine Art Mülleimer zu Hause, während Sohn oder Tochter woanders durchaus charmant, höflich und hilfsbereit sein können. Dann gibt es auch tolle Momente, in denen plötzlich eine Eloquenz zu Tage tritt, Schlagfertigkeit, gute Argumente, und man sieht, sie lernen dazu."
Die Hamburger Lehrerin Ulrike Heidler* erwischt sich dabei, dass sie mit ihrem 16-jährigen Sohn Adrian "immer wieder in dieselbe Falle tappt". In der Schule unterrichtet sie die gleiche Altersgruppe, zehnte Klasse. Doch während sie da die Frechheiten ihrer Schüler cool und professionell pariert, wird sie bei ihrem Sohn sofort emotional und moralisch. "Wenn er schon beim Fußballschauen brüllt: Ihr Hurensöhne! und dabei derart viel Aggressivität zeigt, er-schreckt mich das." Ihr ganzes pädagogisches Wissen lässt sie dann im Stich, "da handele ich ganz instinktiv".
Sie trauert über die verlorene Nähe, seit Adrian, der sogar noch mit zwölf gern mal auf ihren Schoß kam, jeden körperlichen Kontakt einstellte. Sie schläft nicht, bis er von der Disco nach Hause kommt, doch sie spürt auch, "wie mein Vertrauen wächst" und dass ihre Beziehung tragfähig ist, sie nie ganz den Draht zu ihm verliert.
Ein gewaltiger Spagat wird von den Eltern in dieser finalen Trotzphase verlangt: Sie sollen auf Distanz gehen, dem Heranwachsenden Freiheit geben, in der er sich austesten kann, aber weiter für ihn da sein und sorgen - sie sollen gleichzeitig "loslassen und Halt geben", wie Jan-Uwe Rogge sein Pubertätsbuch überschrieben hat. Das Schwierige ist, dabei nicht aus der Balance zu geraten.
Während vielfach von völlig überforderten Eltern zu lesen ist, glaubt Rogge, dass "ein Großteil der Eltern heute einen durchaus guten Erziehungsjob macht". Aber: "Sie lassen sich zu leicht verunsichern." Erziehungsberater wie er sind gefragt, seine Bücher verkaufen sich weit über eine Million Mal, seine Sprechstunden sind ausgebucht.
Rogge holt die Eltern wieder auf den Teppich. "Es ist normal, wenn die Kids in dieser Zeit nicht richtig ticken, und keine Folge erzieherischen Scheiterns."
Durchatmen, lockermachen, mehr Gelassenheit fordert Rogge, wie andere Experten auch. Der Dauerclinch zwischen Eltern und Kindern hat ja einen Sinn: Im Konflikt lernen die Jugendlichen, sich mit Regeln, Grenzen und Meinungen auseinanderzusetzen, üben sie in kleinen Schritten die Trennung von den bisher übermächtigen Eltern.
Zur Gelassenheit gehört für Rogge auch Mut zu Fehlern. "Das ist eine Chance für Heranwachsende: Es zeigt ihnen, dass sie keine perfekten Väter und Mütter haben, aber solche, die mit Krisen und Niederlagen umgehen können, die aus Fehlern lernen."
Manchmal müsse man auch einsehen, dass man etwas nicht selbst lösen kann, wie der ewige Zoff um die Hausaufgaben - da helfe es zu delegieren, an einen Studenten etwa. Überhaupt seien in der Pubertät andere erwachsene Bezugspersonen wichtig, ob Großeltern, Paten oder der Trainer.
Ein großer Schritt zu mehr gesunder Distanz ist es Rogge zufolge schon, den Blick nicht nur auf das Kind zu richten: "Ein 14-Jähriger sagte mir kürzlich: ,Wenn meine Eltern sich mal häufiger gegenseitig ansehen würden, würden sie nicht ständig auf mich starren.'" Tatsächlich sei nun die Zeit für die Eltern, sich wieder stärker als Paar zu begreifen - was ja auch seinen Reiz hat.
Dass es "schwer ist, diese Widersprüche der Pubertierenden auszuhalten", räumt Rogge durchaus ein: "Obwohl sie sich zurückziehen, die Eltern herabwürdigen, suchen sie Halt, Orientierung und innere Verbundenheit."
Sie brauchen ihre Eltern nach wie vor, mitunter vielleicht sogar dringender denn je - die Crux ist, dass man ihnen das überhaupt nicht anmerkt, im Gegenteil.
Wohl die meisten Eltern sind überzeugt, dass sie die eigentlich Leidtragenden der Pubertät sind, auch manche Experten teilen diese Meinung: "Im Grunde wird von den Eltern der radikalste Wandel verlangt", sagt die Jenaer Entwicklungspsychologin Karina Weichold, "der Kontrollverlust, das Infragestellen, die Ablösung sind für sie schmerzlicher als für die Jugendlichen selbst."
"Es ist ja der Prozess der Trennung von einem geliebten Menschen, wer macht das schon freiwillig?", konstatiert Angelika Jaeger. Unter dem Motto "Starke Eltern, starke Kinder" hält die Sozialpädagogin Elternkurse beim Hamburger Kinderschutzbund zur Pubertät. Sie sollen das Selbstvertrauen der Eltern stärken, ihnen helfen, Konflikte zu verhandeln, Grenzen zu setzen und mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben.
Väter und Mütter stehen sich häufig selbst im Weg: mit ihrer Verletztheit, ihren Ängsten, ihrer Furcht zu versagen. "Eltern denken viel zu schnell, sie hätten was falsch gemacht", sagt Jaeger. "Sie müssen lernen zu trennen: Wenn das Kind in der Schule scheitert, bin ich nicht gescheitert."
Wenn die Pädagogin am ersten Kursabend die Eltern an ihre eigene Pubertät zurückdenken lässt, erinnern die sich meist noch ziemlich genau: das schwierige Einfinden in die Clique, der erste Sex, der furchtbare Liebeskummer, der Schwindel vom Alkohol. "Es ist wichtig für die Erwachsenen, sich klarzumachen, wie viel Jugendliche in dieser Phase leisten und zu bewältigen haben." Sie rät, auch kleine Erfolge der Kinder wahrzunehmen, nicht nur die Schulnoten. "Meine Faustregel ist: neunmal aufs Positive und einmal aufs Negative schauen, meist sehen wir nur auf das, was nicht klappt." Sie erzählt den Eltern auch vom radikalen Umbau im pubertären Gehirn, der es den Kids so schwermacht, Dinge auf die Reihe zu bringen, sich vernünftig und logisch zu verhalten, während sie von Emotionen überschwemmt werden. Das hilft vielen.
Die Eltern in ihren Seminaren haben fast alle die gleichen Sorgen: das unaufgeräumte Zimmer, die Hausaufgaben, das Dauertelefonieren, die schlechte Stimmung, die mangelnde Selbständigkeit, die ewige Anspruchshaltung (das neueste Handy, die geilste Jeans), der Streit ums Nachhausekommen, Alkohol, Drogen. "Mit kleineren Kindern gibt es nicht unbedingt weniger Probleme, aber die Auseinandersetzungen werden nun sehr viel heftiger", sagt Jaeger.
Kracht es heute mehr als früher? Für ältere Generationen war es hart, sich scheibchenweise Freiheit aus dem Korsett starrer, autoritärer Strukturen zu ertrotzen. Dafür scheint heute die Ablösung schwerer zu gelingen. Einen Grund dafür sieht der hannoversche Kindertherapeut Wolfgang Bergmann in der "Eltern-Kind-Verklammerung", den zu engen, fast symbiotischen Beziehungen der modernen Kleinfamilien.
"Alle Wünsche von einer heilen und glücklichen Familienwelt richten sich mit einer bisher so nicht gekannten Sentimentalität auf das Kind", sagt Bergmann. So werde jedes Problem des Kindes "zum Menetekel, das den Familienalltag verdunkelt". Nach außen, in der heutigen Gesellschaft mit ihrer "Rivalitäts- und Leistungskultur", werde das Kind zum Aushängeschild: Ganz toll soll es sein, begabt und selbstbewusst. Bei den Eltern entstehe dadurch "eine aus vielen Motiven zusammengesetzte Angst vor dem Versagen des Kindes". Mangelnde Begabung sei für sie eine "Kränkung".
In Bergmanns Praxis kommen viele ausgelaugte, hilflose Eltern mit hyperaktiven oder depressiven Jungs, Mädchen, die sich ritzen oder unter Essstörungen leiden, vereinsamte Kinder, die keine Kontakte finden. Vor allem die feingliedrigen, hochsensiblen, eher intellektuellen Kinder gingen heute leicht in der groben, lauten Jugendkultur unter.
"Eltern", sagt Bergmann, "sind der Fels in der Brandung der pubertären Wirren." Das ist eine schwierige Rolle in einer Zeit, in der Erwachsene bis tief in die Mittelschicht hinein von Zukunfts- und Existenzängsten geplagt sind.
Als starkes Gegenüber ihrer Kinder sind Eltern heute besonders deshalb gefordert, weil sie nicht mehr auf alte Autoritätsmuster zurückgreifen können. Sie haben ihre Kinder ja zu Gleichberechtigung erzogen, damit sie selbstbewusst, kritisch, widerständig sind. "Wir wollen doch Kinder, die sich nicht alles gefallen lassen, die fragen: Warum?" Denen nun Grenzen zu setzen ist natürlich viel komplizierter.
Und doch - es geht. "Nichts ist einfach, aber es ist auch nicht so schwierig", beruhigt der Erziehungswissenschaftler. Pubertierende brauchten eine starke Autorität der Eltern. Natürlich nicht die Erziehung von früher, "die wollte Kinder unterwerfen, durch Strafe zu Gehorsam und Disziplin zwingen". Er meint eine "gute" persönliche Autorität von Mutter und Vater: "Ich muss mich auf meine Person, meine Bindungsfähigkeit berufen, vorführen, wie man das Leben mit einer gewissen Souveränität bewältigt - dabei geht es auch um Mut und Widerständigkeit von Eltern, die das Rückgrat haben, sich gegen den Mainstream zu stellen."
Distanz heißt eines von Bergmanns Schlüsselwörtern: Bei überschäumenden Konflikten sei es manchmal klug, sich einfach zurückzuziehen. Etwa wenn schon wieder Zoff über die verhauene Klassenarbeit angesagt ist, sei es wirksamer festzustellen: "Es tut mir leid, aber irgendwie ist es nicht mein Problem. Schließlich ist es dein Leben und nicht meins, es ist dein Zeugnis." Er selbst, so Bergmann, habe bei seinem Sohn damit beste Erfahrungen gemacht.
Ohnehin löse man so manchen Konflikt mit Pubertierenden einfach dadurch, indem man ihn unterlässt - man müsse nicht auf jede Provokation einsteigen, könne auch mal von seiner Forderung abweichen. "Auch Erwachsene neigen zu Halsstarrigkeit."
Ein machtorientierter, aggressiver Elterntyp macht es Jugendlichen vielleicht leichter, sich von zu Hause zu lösen, aber er verhindere eine gute Beziehung zum Kind, mahnt Jan-Uwe Rogge. Damit sich Jugendliche an Vereinbarungen halten, sei es wichtig, die eigene Position, seine Werte zu vertreten. Nicht: Nur ich weiß, was richtig ist. Sondern: Das ist meine Überzeugung.
"Ich kann nicht wirklich verhindern, dass mein Kind Gewaltverherrlichendes oder Menschenverachtendes auf dem Computer anschaut, aber ich muss ihm sagen, was ich davon halte und wo ich die Gefahr sehe." Auch wenn es so wirkt, als wollten Jugendliche von den Eltern partout nichts wissen, hält der Bestsellerautor dagegen: "Die Meinung der Eltern ist äußerst bedeutsam." Auf Dingen, die einem wichtig sind, müsse man bestehen, etwa, dass die Familie gemeinsam isst. "Da muss man auch nicht lange diskutieren. Ich sage halt: Weil es mir wichtig ist."
Andererseits gelte es, auch Interessen und Leistungen der Jugendlichen anzuerkennen, etwa ihre Computerkompetenzen. Grenzen machten immer nur dann Sinn, wenn sie für den Jugendlichen nachvollziehbar sind und nicht unverhältnismäßig überzogen erscheinen, etwa schon um 21 Uhr nach Hause kommen zu müssen, während die anderen bis 23 Uhr dürfen.
Klar ist auch: Wer zu soft daherkommt, tut seinem Kind keinen Gefallen. Rogge: "Kinder wollen vom Erfahrungs- und Wissenvorsprung der Eltern profitieren und erleben, wie man Krisen löst, und nicht die Krisen ihrer Eltern aufgehalst bekommen." Mütter, die ihre Töchter als "Freundin" bezeichnen oder Kumpelväter mag er überhaupt nicht.
Was ein Klima der Konfliktvermeidung bewirken kann, erlebt die Psychologin Susanne Beischer, die als Therapeutin im Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg arbeitet. Täglich hat sie mit Jugendlichen und deren Eltern zu tun, die nicht nur mit klassischen Pubertätskonflikten, sondern ernsthaften psychischen Störungen kämpfen.
Beischer sieht immer wieder Eltern, die maßlosen Forderungen ihrer Kinder keine ausreichende Stärke entgegensetzen: "Das ist aber wichtig, damit sich Jugendliche nicht im grenzenlosen Machtanspruch verlieren", sagt Beischer.
Eltern, die vor ihren Kindern kapitulieren, ihnen keine Grenzen setzen, gleichgültig reagieren auf Alkoholkonsum oder sehr frühen, exzessiven Sex, ließen Jugendliche oft selbst nach Grenzen suchen und dabei das gesunde Maß des Ausprobierens überschreiten. So komme es zu Extremen: Drogen, Komasaufen, riskante Abenteuer, dauerndes Schuleschwänzen. "Grenzen geben auch Halt und Schutz", sagt die Therapeutin. "Zudem braucht der Heranwachsende die familiären Bindungen, um sich bei allem Freiheitsdrang gehalten zu fühlen."
Mangelnder psychischer Halt und schwierige Familienverhältnisse sind häufig auch Hintergrund bei den zunehmenden Selbstverletzungen von Mädchen. "Teenager, die sich ritzen oder schneiden, können oft ihre Gefühle nicht kontrollieren. Wenn das Blut fließt, löst das ihre innere Spannung, manche brauchen den Schmerz, um sich zu spüren."
Zu Problemen kommt es aber auch in behüteten Familien mit großer Harmoniesucht, in denen Konflikte und emotionale Auseinandersetzungen, ja die notwendige Abgrenzung selbst als bedrohlich erlebt werden und Schuldgefühle hervorrufen. "Solche Jugendliche, häufig eher überangepasste Mädchen, können dann nur über ihren Körper rebellieren" - etwa mit Essstörungen (für die es auch andere Ursachen gibt). Nicht gelebte Konflikte werden dann gegen den eigenen Körper gerichtet.
Die Pubertät ist die große Chance zu reifen, aber sie kann eben auch zu ernsthaften Erkrankungen führen. Wann es kein Pubertätskonflikt mehr ist, sondern eine behandlungsbedürftige psychische Störung, sei manchmal nicht leicht zu erkennen, so Beischer.
Rückzug und Verschlossenheit sind normal in der Pubertät, aber vielleicht steckt das Kind in einer handfesten psychischen Krise mit Depressionen? Bedenklich sei, wenn der Jugendliche sozial vereinsamt, Freundschaften, auch den Sportverein aufgibt, vor dem Computer essen will, die Körperpflege extrem vernachlässigt, aggressiv reagiert, wenn man die Computerzeit begrenzt. Vor allem, wenn mehrere Warnzeichen zusammenkommen, sollte man nicht zögern, sich professionelle Hilfe zu holen, rät die Therapeutin, in jedem Fall, wenn von Selbstmordgedanken die Rede ist, wenn der Jugendliche ganz offensichtlich nicht mehr erreichbar ist.
Doch bei allen Problemen - die Pubertät ist gewöhnlich keine Dauerkrise, sie ist, so Rogge, "vor allem eine Phase des Wandels, der Veränderung und der Entwicklung".
Barbara Pelzer* muss er davon nicht überzeugen. Die Hamburger Grafikerin erlebt die Adoleszenz ihres 15-jährigen Sohns Michael als Befreiung: "Ich konnte plötzlich Abstand zu meinem Kind gewinnen, das hat mich wahnsinnig erleichtert." Michael war ein extrem anhängliches Kind, sein Weh war ihr Weh. Die Pubertät werde schrecklich, sie werde nie loslassen können, prophezeiten ihr Freunde.
Aber die Pubertät ist eben auch eine Zeit der Überraschungen. Barbara Pelzer schafft es nun, sagt sie, die ganze Mauligkeit, seine Unausstehlichkeit, den Knatsch nicht persönlich zu nehmen: "Ich weiß, er hat jetzt seine Auszeit - und ich weiß, dass es irgendwann vorbei ist." Sie merkt, es lohnt sich, an heiklen Themen dranzubleiben, ihre Position notfalls hart zu vertreten, sich aber auch für seine Gefühle und Gedanken zu interessieren. Sie berät sich viel mit dem Vater, von dem sie getrennt lebt, überlässt bestimmte Fragen ganz ihm. Pelzer: "Irgendwie ist es auch toll zu sehen, wie das Kind mehr und mehr zu einer eigenen Person wird und in die Welt geht."
Sie entdeckt sogar neue Erziehungswege. Wenn er etwa wieder mal seine Jacke in die Ecke feuert, droht sie ihm: "Häng sie an die Garderobe - oder ich küsse dich!" Das funktioniert, nicht immer, aber immer wieder.
Pubertät, Eltern

Donnerstag, 4. Januar 2018

Kapitalismus

Hier in Wikipedia die Erklärung:

Kapitalismus bezeichnet zum einen eine spezifische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, zum anderen eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte. Die zentralen Merkmale sind in Anbetracht des historischen Wandels und der zahlreichen Kapitalismusdefinitionen sowie ideologischer Unterschiede umstritten. Allgemein wird unter Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht. Als weitere konstitutive Merkmale werden genannt: die Akkumulation, für manche das „Herzstück“, Hauptmerkmal und Leitprinzip des Kapitalismus, und das „Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb“.

Hier die Erklärung von Volker Pispers:

Kapitalismus heisst, man kauft Dinge die man nicht braucht
von Geld, das man nicht hat,
um Menschen zu beeindrucken, die man nicht leiden kann.



Kapitalismus, Geld, Gewinn, Armut

Dienstag, 2. Januar 2018

Taizé im Internet

Hier einige Seiten, die ich zu Taizé gefunden habe:

Taizé Internet Website

Immersion

Wikipedia: Unter Immersion (lat. immersio ‚Eintauchen‘; daher auch deutsch Sprachbad) versteht man in der Sprachwissenschaft und der Pädagogik eine Situation, in der Personen, vor allem Kinder, in ein fremdsprachiges Umfeld versetzt werden, in dem sie – beiläufig oder gewünschtermaßen – die fremde Sprache erwerben. Anders als bei der Anwendung von Sprachlernmethoden folgt bei der Immersion der Erwerb der fremden Sprache ausschließlich den Prinzipien des Mutterspracherwerbs.

Im Immersionsunterricht steht nicht die Sprache im Mittelpunkt, sondern das entsprechende Fach. Das ist ein entscheidender Unterschied zum klassischen Fremdsprachenunterricht, der den Sprachlernprozess bewusst steuert, während sich das Sprachenlernen im Immersionsunterricht über die Beschäftigung mit Sachverhalten fast „wie von selbst“ einstellt. (Zitat Mittelschulamt ZH)


Sprache Lernen, Immersion, Spanisch, Englisch, Fremdsprache

Bilder sagen mehr als 1000 Worte

Wenn das so ist, dass Bilder mehr als 1000 Worte sagen, so muss man Schmunzeln, wenn man den Pressetext von kath.ch liest und das Bild sieht:





Der Prior von Taizé Alois Löser, der Basler Bischof Felix Gmür und der Basler Kirchenratspräsident Lukas Kundert loben den guten Auftakt des Taizé-Endjahrestreffens in Basel.

Die drei scheinen ganz unterschiedlich "den guten Auftakt des Taizé Treffens zu loben" und ich hoffe, dass nicht nur Frere Alois sich darüber freut, dass "das Christentum eins sein kann."

Schnappschuss, Bild, Lachen, Fake News

Sonntag, 31. Dezember 2017

Bewegung und Begegnung

Ein lieber Freund hat mir sein Lebensmotto gegeben, dass er sich nach seiner Pensionierung gesetzt hat:

BB

Bewegung und Begegnung

Konkret:
- 1 Stunde laufen
- 1 Begegnung mit einem Menschen

Nicht mehr und auch nicht weniger.
Er lebt mit grosser Gelassenheit - auch durch schwierige Zeiten des Lebens damit.

Motto, Gelassenheit, Leben,


Taizé - Gib mich ganz zu eigen dir

Ein wunderschönes Lied das neu von Taizé zum Jubiläumsjahr von Niklaus von Flüe veröffentlicht wurde und Taizé Basel gesungen wurde:

Nimm alles von mir, was mich fernhält von dir.
Gib alles mir, was mich hinführt zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.





Ein zweites Niklaus von Flüe Lied aus Taizé ist



Frieden ist allezeit in Gott,
denn Gott selbst ist der Friede.
2x



Taizé Frieden Bruder Klaus Niklaus von Flüe Song Basel #taizebasel

Regel von Taizé

In Wikipedia ist zu den Regeln zu lesen:

Die Ordensregeln
Die Brüder der Communauté leben nach der von Frère Roger verfassten Regel „die Quellen von Taizé“. Sie gehen zurück auf erste Niederschriften aus dem Jahr 1941, ein Jahr nach der Ankunft Frère Rogers in Taizé.[é.f. 2] Zur Abfassung der Regel von Taizé kam es erst zwölf Jahre nach dem Beginn des Lebens in Taizé, im Winter 1952/1953.[11] Gestützt auf das Leben und die Erfahrungen der jungen Communauté, fasst Frère Roger „das Essentielle, das das gemeinsame Leben ermöglicht“ in Worte.[é.f. 3] Diese erste Regel von Taizé erfuhr Veränderungen und Anpassungen in den Jahren 1966, 1975 und 1980.[é.f. 4] Die Ergänzungen des Jahres 1966 waren von den Erfahrungen Rogers als Beobachter des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt.[é.f. 5] 1980 erschien die Regel unter einem neuen Titel, denn „sie hat nichts von einer Regel im eigentlichen Sinn, sie will einen einfachen Weg aufzeigen, um ein Gleichnis der Gemeinschaft zu leben“: Die Quellen von Taizé.[é.f. 6]
1990 erfuhren die Quellen von Taizé durch Frère Roger eine umfangreiche Überarbeitung. Mit letzten Änderungen im Jahr 2001 gab Frère Roger den Quellen ihre endgültige Version.[é.f. 7]

Die Regeln von Taizé habe ich bei kath.ch einen Eintrag von 2012 gefunden:


Die Regel von Taizé

Übersicht

Einleitung
Das Gebet Die Mahlzeit
Der Bruderrat
Das Zusammenleben
Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe vom Wort Gottes ihr Leben empfangen Wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben
Lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Barmherzigkeit, Einfachheit Freude
Barmherzigkeit
Einfachheit
Zölibat Gütergemeinschaft
Diener der Gemeinschaft: der Prior
Die ausgesandten Brüder Die neuen Brüder
Der Gästeempfang Schlussbemerkung
Ermahnung, verlesen bei der Profess Die Engagements bei der Profess
1

Einleitung
Bruder, wenn du dich einer gemeinsamen Regel unterstellst, kannst du dies nur um Christi und des Evangeli- ums willen1.
Dein Lobsingen und dein Dienst sind von nun an ganz in eine Gemeinschaft von Brüdern eingefügt, die ihrer- seits der Kirche eingegliedert ist. Bei deinem inneren Suchen, das für dein Leben als / (14) Christ so notwen- dig ist, wirst du durch diese Gemeinschaft angespornt und mitgenommen. Du bist von nun an nicht mehr al- lein. In allem hast du mit deinen Brüdern zu rechnen.
Seufze also nicht unter der Last einer Regel; vielmehr freue dich! Denn unter Verzicht zurückzuschauen2 und gemeinsam mit allen, getragen vom gleichen Wort des Herrn, kannst du dich Christus jeden Tag neu entge- genwerfen.
Die vorliegende Regel umfasst das Minimum, ohne das sich eine Gemeinschaft nicht in Christus aufbauen und dem gleichen Dienst Gottes hingeben kann. Bei diesem Bestreben, nur das Wesentliche festzulegen, bleibt eine Gefahr: deine Freiheit könnte zum Vorwand werden, nach deinen eigenen Neigungen zu leben. Da dein Heil in der alleinigen Gnade des Herrn Jesus Christus liegt, erlegst du / (15) dir keine Askese um ihrer selbst willen auf. Dein Bemühen um Selbstbeherrschung hat kein anderes Ziel als grössere Verfügbar- keit. Keine unnötigen Verzichtleistungen; halte dich an das, was Gott dir aufträgt. Die Lasten der anderen tragen, die kleinen Kränkungen des Alltags annehmen, um konkret am Leiden Christi teilzuhaben, darin liegt unsere allererste Askese.
Du fürchtest, eine gemeinsame Regel könnte deine Persönlichkeit erdrücken, wo sie dich doch von unnützen Fesseln freimachen soll, damit du die Verantwortung, die der Dienst mit sich bringt, besser tragen und der Kühnheit, die in ihm liegt, besser gerecht werden kannst.
Du würdest dein Verständnis vom Evangelium einengen, wenn du, aus Furcht dein Leben zu verlieren, dich selbst festhieltest. Wenn das Weizenkorn nicht stirbt3, kannst du nicht darauf / (16) hoffen, jemals deine Per- sönlichkeit sich zu Fülle christlichen Lebens entfalten zu sehen.
Bleibe niemals stehen, ziehe voran mit deinen Brüdern, laufe dem Ziel zu auf den Spuren Christi! Seine Spur ist ein Weg des Lichts: Ich bin, aber auch: Ihr seid das Licht der Welt4... Damit die Klarheit Christi dich durch- dringe, genügt es nicht, sie einfach zu betrachten, ( als wärst du nur ein rein geistiges Wesen); lass dich fest entschlossen, mit Leib und Geist, auf diesen Weg ein.
Sei unter den Menschen ein Zeichen von brüderlicher Liebe und von Freude. Öffne dich dem Menschlichen und du wirst sehen, wie alles eitle Verlangen nach Weltflucht vergeht. Stehe zu deiner Zeit, passe dich den Erfordernissen des Augenblicks an. Vater, ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, / (17) son- dern, dass du sie vor dem Bösen bewahrst5. Liebe die Benachteiligten, alle, die unter der Ungerechtigkeit der Menschen leiden und nach Gerechtigkeit dürsten; ihnen galt die besondere Aufmerksamkeit Jesu; fürchte niemals, sie könnten dir lästig fallen.
Bringe deinen Eltern tiefe Zuneigung entgegen; gerade diese soll ihnen helfen, die Absolutheit deiner Beru- fung zu erkennen.
Liebe deinen Nächsten, wo auch sein religiöser oder ideologischer Standort sein mag.
Finde dich niemals ab mit dem Skandal der Trennung unter den Christen, die sich alle so leicht zur Nächsten- liebe bekennen, aber zerspalten bleiben. Habe die Leidenschaft für die Einheit des Leibes Christi. / (18)
Das Gebet
Gleich wie die Jünger in grosser Freude immer im Tempel waren und dich priesen und lobten6, will ich deine Wundertaten erzählen, denn du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt und mich mit Freude umgürtet, damit dir mein Herz singt und nie verstummt7.
1 Mk 10,29
2 Phil 3,13
3 Joh 12,24
4 Joh 8,12 und Mt 5,14 5 Joh 17,15
6 Lk 24,53
7 Ps 30,12-13
2

Das gemeinsame Gebet hat seinen Ort in der Gemeinschaft der Heiligen. Um aber diese Gemeinschaft mit den Glau-/benden aller Zeiten zu verwirklichen, sollen wir uns einer eindringlichen Fürbitte für die Menschen und die Kirche hingeben.
Der Herr ist nicht auf unsere Fürbitte und unser Lobsingen angewiesen. Es ist indessen Gottes Geheimnis, dass er von uns, seinen Mitarbeitern, verlangt, allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen8.
Seien wir darauf bedacht, in den Sinn der gottesdienstlichen Handlung einzudringen, suchen wir hinter den Zeichen, die uns als Geschöpfe zugänglich sind, eine unsichtbare Wirklichkeit, die dem Reich Gottes ange- hört. Achten wir jedoch auch darauf, diese Zeichen nicht zu vervielfachen und ihnen ihre Einfachheit zu erhal- ten, die ihren evangelischen Wert verbürgt.
Das Gottesdienstgewand soll uns daran erinnern, dass unser ganzes Wesen von / (20) Christus überkleidet wurde. Auch ist es ein Mittel, anders als durch das Wort das Lob des Herrn zum Ausdruck zu bringen.
Der Lobpreis Christi, wie er im Gottesdienst zum Ausdruck kommt, dringt in dem Masse durch, wie er sich auch in den bescheidensten Arbeiten fortsetzt. In der Regelmässigkeit des gemeinsamen Gebets keimt die Liebe Jesu in uns, ohne dass wir wüssten wie9.
Das gemeinsame Gebet entbindet uns nicht vom persönlichen Beten. Eines trägt das andere. Nehmen wir uns jeden Tag einen Augenblick, um uns in unserem innigen Verbundensein mit Christus Jesus zu erneuern. Und da wir bei Christus über alle Massen beschenkt werden10, wollen wir uns ganz dem lebendigen Wort Gottes hingeben, es die verborgensten Tiefen unseres Daseins anrühren lassen, damit es / (21) nicht nur über unseren Geist, sondern auch über unseren Körper Macht gewinne.
Christus, das fleischgewordene Wort, schenkt sich uns sichtbar im Sakrament. Nähre dich also am Mahl der Danksagung, der Eucharistie, und vergiss nicht, dass es den Kranken des Volkes Gottes angeboten ist. Für dich ist es da, der du immer schwach und gebrechlich bist.
Es ist nutzlos, sich beim gemeinsamen Gebet über die Schwierigkeit der Brüder aufzuregen, miteinander in Einklang zu kommen. Dennoch bedeutet unsere Hingabe in einem in Christus verborgenen Leben weder Trägheit noch Gewöhnung; sie kann nur Teilnahme unseres ganzen Wesens, von Verstand und Körper, sein. Bist du abgelenkt, so tritt ohne darüber zu jammern erneut in das Gebet ein, sobald du deine Zerstreutheit bemerkst; wenn du mitten im Gebet deine Schwach-/heit erfährst, vergiss nicht, dass das Wesentliche in dir bereits vollbracht ist.
Es gibt Tage, an denen dir das gemeinsame Gebet zur Last wird. Finde dann Wege, deinen Leib darzubieten, da deine Anwesenheit allein schon ein Zeichen ist für dein im Augenblick nicht zu verwirklichendes Verlan- gen, deinen Herrn zu loben. Glaube an die Gegenwart Christi in dir, selbst wenn du keinen spürbaren Wider- hall davon feststellst. / (23)
Die Mahlzeit
Jedes gemeinsame Essen sollte eine Agape sein, bei dem sich unsere brüderliche Liebe in der Freude und der Einfalt des Herzens verwirklicht. Die manchmal beim Essen eingehaltene Zeit der Stille bringt dir Erfri- schung, wenn du müde bist, oder Gemeinschaft im Gebet für den Gefährten, der mit dir dasselbe Brot isst. / / (25)
Der Bruderrat
Ziel des Bruderrates ist es, so klar wie möglich den Willen Christi für den Weg der Communauté zu erkennen. Der erste Schritt besteht darin, in sich selbst Stille zu schaffen, damit man bereit wird, auf seinen Herrn zu hören.
Nichts ist einem unvoreingenommenen Urteil abträglicher, als freundschaftliche / (26) Sonderbeziehungen; wir laufen Gefahr, einem Bruder zuzustimmen in der —vielleicht unbewussten — Hoffnung, so im Gegenzug auch seine gelegentliche Unterstützung zu erhalten. Nichts steht dem Geist des Bruderrates mehr entgegen, als Vorhaben, die nicht durch das einzige Verlangen, den Plan Gottes zu erkennen, geläutert sind.
8 Lk 18,1 9 Mk 4,27 10 Lk 6,38
3

Wenn es irgendwann gilt, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen, Streitigkeiten und der Versuchung der Rechthaberei aus dem Weg zu gehen, dann sicher beim Bruderrat.
Vermeide einen Ton, der keine Widerrede duldet, jedes kategorische « wir müssen... ». Trage nicht viele gute Argumente zusammen, um dir Gehör zu verschaffen; lege in wenigen Worten dar, was dir am ehesten dem Plan Gottes zu entsprechen scheint, ohne dir einzubilden, du könntest es erzwingen. / (27)
Um nicht einen Geist gegenseitigen Sich-überbietens zu begünstigen, hat der Prior von seinem Herrn den Auftrag, die Entscheidung zu fällen, ohne an eine Mehrheit gebunden zu sein. Frei von menschlichem Druck hört er auf den schüchternsten Bruder mit der gleichen Aufmerksamkeit wie auf einen selbstsicheren. Wenn ihm klar wird, dass es in einer wichtigen Frage an tiefgreifender Übereinstimmung mangelt, soll er seine Ent- scheidung aussetzen und, damit die Communauté nicht stehenbleibt, einen vorläufigen Entschluss fassen und gegebenenfalls später noch einmal darauf zurückkommen; denn für die Brüder, die auf Christus zu un- terwegs sind, ist Stillstand Ungehorsam. Der Prior kennt die Fähigkeiten jedes einzelnen am besten; er macht den ersten Vorschlag, wenn es darum geht, einem Bruder eine Verantwortung zu übertragen. / (28)
Der Bruderrat setzt sich aus den Brüdern zusammen, die die Profess abgelegt haben, die abwesenden Brü- der werden durch den Prior oder einen von ihm beauftragten Bruder um ihre Meinung befragt. / (29)
Das Zusammenleben
Eine Gemeinschaft kann nicht ohne ein Mindestmass an Harmonie zusammenleben11.
Warum deine Brüder durch Zuspätkommen und Nachlässigkeiten stören? Wenn ein wichtiger Anlass deine Abwesenheit erfordert, und du einen Akt der Communauté versäumst, erkläre dich nicht durch einen Dritten. Werde niemals zum Hindernis dadurch, dass du dich nicht schnell genug bemühst, wieder zu deinen Brüdern zu kommen12, mit denen zusammen du dich total engagiert hast, mit Leib und Seele. / / (31)
Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe vom Wort Gottes ihr Leben empfangen
Suche bei deinem Beten und Betrachten nach dem Wort, das Gott an dich richtet, um es sogleich auszufüh- ren. Lies deshalb wenig, und verweile.
Damit dein Gebet wahrhaft sei, musst du deine Arbeit ernstnehmen. Begnügst du dich mit dilettantischer Läs- sigkeit, wärst du zu wirklicher Fürbitte unfähig. / (32)
Bemühe dich, stetig zu arbeiten. Dein Gebet findet zur Ganzheit, wenn es eins ist mit deiner Arbeit.
Gebet, Arbeit und Ruhe, jedes zu seiner Zeit, alles aber in Gott.
Vergleiche dich bei deiner täglichen Arbeit nicht mit den anderen Brüdern. Suche in aller Einfachheit deinen Platz auszufüllen, der stets notwendig ist für das Zeugnis des Ganzen. / (33)
Wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben
Die innere Stille erfordert zunächst, dass man sich von sich selbst losgesagt hat, um das Stimmengewirr zu beruhigen und der drückenden Sorgen Herr zu werden, im beständigen Neuanfang eines Menschen, der niemals entmutigt ist, weil ihm immer vergeben wird. Sie macht unser Gespräch mit Christus Jesus möglich. / (34) Aber wer fürchtet nicht diese Stille und zieht es nicht vor, sich während der Arbeitszeit zu zerstreuen oder das Gebet zu fliehen, um sich mit irgendwelchen Beschäftigungen zu ermüden, und dabei den Nächsten und sich selbst zu vergessen?
In deinem Zwiegespräch mit Christus bedarf es dieser Stille. Wenn du ihm nicht ständig alles anvertraust, wenn du nicht mit der Einfachheit eines Kindes zu ihm sprichst, wie willst du dich dann innerlich sammeln, wenn du von Natur aus unzufrieden oder selbstzufrieden bist?
Du fürchtest, mit der inneren Stille könnte in dir eine Frage ungelöst bleiben? Merke dir den Grund deiner Un- ruhe oder deines unguten Gefühls, um später die Lösung zu finden.
Es gibt Zeiten, in denen die Stille Gottes in seinen Geschöpfen den höchsten Grad erreicht. In der Einsamkeit / (35) der Retraite erneuert uns die innige Begegnung und Verbindung mit Christus.
Ruhigsein ist notwendig aus Liebe zu den Brüdern, die beten, lesen, schreiben oder am Abend ausruhen.
11 Apg 2,46 12 Ps 34,15
4

Zurückhaltung in Wort und Gebärde hat noch niemals menschlichen Kontakt verhindert; nur das stumme Schweigen birgt die Gefahr, einen solchen Bruch herbeizuführen. Es wird von uns nicht verlangt, weil es nicht von selbst die wahre innere Stille mit sich bringt. / / (37)
Lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Barmherzigkeit, Einfachheit / / (39)
Freude
In der Gemeinschaft der Heiligen besingen wir Tag für Tag das jeden Morgen neue Erbarmen des Herrn13, und seine Barmherzigkeit verstärkt unsere ungeteilte Hingabe.
Die wahre Freude ist zunächst inwendig.
Niemals hat Albernheit die Freude erneuert. Denken wir daran, dass es zwischen einem freimütigen Humor und der Ironie, die das Lächeln zur Grimasse verzerrt, keine scharfe Grenze gibt. Spötteln, Gift im Leben einer Gemeinschaft, ist hinterhältig, weil dadurch angebliche Wahrheiten in Umlauf gebracht werden, / (40) die man sich unter vier Augen nicht zu sagen wagt. Es ist gemein, weil es die Person eines Bruders vor den anderen zugrunderichtet.
Die vollkommene Freude liegt in der Entsagung aus stiller Liebe. Diese Freude braucht dein ganzes Wesen, wenn sie strahlend hervorbrechen soll.
Scheue dich nicht, an den Prüfungen anderer teilzuhaben. Habe keine Angst vor dem Leiden, oft wird gerade in der Tiefe des Abgrunds die Vollendung der Freude in der Gemeinschaft mit Jesus Christus geschenkt.
Die vollkommene Freude verschenkt sich. Wer sie kennt, sucht weder Dankbarkeit noch Entgegenkommen. Sie ist immer neue staunende Bewunderung des einen, der selbstlos und freigebig geistliche und irdische Gaben im Überfluss austeilt. Sie ist Dankbarkeit. Sie ist Danksagung. / (41)
Barmherzigkeit
Da der Friede mit Christus den Frieden mit deinem Nächsten miteinschliesst: versöhne dich, mache wieder gut, was gutzumachen ist.
Verzeihe deinem Bruder bis zu siebzigmal siebenmal14.
Fürchtest du, einen Bruder in seinem falschen Selbstbewusstsein zu bestärken, indem du einfach vergisst, dass er unrecht gehandelt hat, dann halte ihm dies / (42) vor, aber immer zwischen dir und ihm allein und mit der Sanftmut Christi. Wenn du die Ermahnung unterlässt, um deinen Einfluss oder deine Beliebtheit bei be- stimmten Brüdern zu erhalten, bist du in der Communauté ein Anstoss zur Sünde.
Sei jederzeit bereit, zu vergeben. Vergiss nicht, dass sich die Liebe auch in gegenseitiger Rücksichtnahme zeigt. Keine süssliche Weichheit, aber auch keine groben Worte. Bedenke, welchen Schmerz du Christus zufügst, wenn du in gereiztem Ton redest.
Lass dich nicht durch Antipathien bestimmen. Sie können leicht bestehen bleiben, wenn du, wegen der gros- sen Anzahl der Brüder, nicht mit allen in enger Verbindung stehen kannst. Deine natürliche Neigung kann dich leicht verleiten, gleich zu Anfang einem Vorurteil zu erliegen, deinen Nächsten nach seinem / (43) schlechten Tag zu beurteilen. Lass dich vielmehr ergreifen von einem Übermass an Freundschaft für alle. Meide die kleinlichen Streitigkeiten unter Brüdern; nichts entzweit so sehr, wie dauernde Diskussionen um alles oder nichts. Gegebenenfalls musst du sie abbrechen können. Weigere dich, Andeutungen über den einen oder anderen Bruder anzuhören. Sei Ferment der Einheit.
Wenn du wegen des Verhaltens eines Bruders Bedenken hast, sie ihm gegenüber aber nicht äussern kannst, oder er dich nicht anhört, sprich darüber mit dem Prior, der zusammen mit dir überlegen wird, was zu tun und wie dem Bruder zu helfen ist. Hört er aber auch auf euch nicht, dann sagt es der Communauté15.
Um der Schwachheit deines Fleisches willen erweist dir Christus sichtbare und wiederholte Zeichen seiner Vergebung. / (44) Die Lossprechung schenkt dir von neuem die Freude einer Versöhnung16. Darum suche sie. Die Sünde eines Gliedes zeichnet den ganzen Körper; die Verzeihung Gottes aber fügt wieder ganz in die
13 Klgl 3,22-23 14 Mt 18,22
15 Mt 18,17
16 Ps 51,14
5

Gemeinschaft ein. Die Beichte wird bei ein und demselben Bruder abgelegt, der zusammen mit dem Prior ausgewählt wurde.
Wer in der Barmherzigkeit lebt, kennt weder Empfindlichkeit noch Enttäuschung. Er verschenkt sich einfach und selbstvergessen, freudig mit der ganzen Glut seines Herzens, frei – ohne eine Gegenleistung zu erwar- ten. / (45)
Einfachheit
Deine Verfügbarkeit setzt voraus, dass du ständig deine ganze Existenz vereinfachst, nicht aus Zwang, son- dern im Glauben. Meide die gewundenen Wege, auf denen der Versucher dir nachstellt. Wirf die unnützen Lasten ab, damit du besser die der Menschen, deiner Brüder, zu Christus, deinem Herrn, tragen kannst. / (46) In der Transparenz brüderlicher Liebe, gestehe dir schlicht deine Fehler ein, nimm sie jedoch nicht zum Vor- wand, die der anderen herauszufinden. Wo die Brüder auch sind, pflegen sie untereinander den kurzen und häufigen Austausch.
Einfachheit heisst auch Redlichkeit gegenüber sich selbst, um zur Lauterkeit zu gelangen. Sie ist ein Weg, offen zu werden für den Nächsten.
Sie zeigt sich in der gelösten Freude des Bruders, der das quälerische Sorgen um Fortschritte oder Rück- schläge aufgibt, um seinen Blick unverwandt auf das Licht Christi zu richten. / (47)
Zölibat
Wenn der Zölibat eine grössere Verfügbarkeit mit sich bringt, für die Sache Gottes zu sorgen17, kann man ihn nur eingehen, um sich noch mehr dem Nächsten hinzugeben, mit der Liebe Christi selbst.
Unser Zölibat bedeutet weder Gleichgültigkeit noch Unterdrückung mensch-/licher Zuneigung, sondern ruft nach ihrer Verwandlung. Christus allein bewirkt die Verwandlung der Leidenschaften in völlige Liebe für den Nächsten.
Wenn der Egoismus nicht von einer wachsenden Grossmut übertroffen wird, wenn du nicht länger von der Beichte Gebrauch machst, um dem Bedürfnis zu wehren, dich selbst bestätigt zu finden, wie es in jeder Lei- denschaft steckt, wenn dein Herz nicht beständig von unermesslicher Liebe erfüllt ist, kannst du Christus nicht mehr in dir lieben lassen und dein Zölibat wird dir zur drückenden Last.
Dieses Werk Christi in dir verlangt unendlich viel Geduld.
Die Lauterkeit des Herzens steht allen natürlichen Neigungen entgegen.
Die Unreinheit, auch die der Gedanken, hinterlässt psychische Spuren, die nicht immer sofort durch das Schuldbekenntnis und die Lossprechung getilgt werden. / (49) Es geht also darum, im steten Neubeginn des Christen zu leben: er verzagt niemals, weil ihm immer verziehen wird.
Die Lauterkeit des Herzens hängt eng mit der Transparenz zusammen. Stelle deine Schwierigkeiten nicht zur Schau, aber verschliesse dich auch nicht, als wärst du ein Übermensch, der aller Kämpfe enthoben ist. Weise jedes Gefallen an Vulgärem von dir. Bestimmte Scherze lassen bei Brüdern, die zu kämpfen haben, um sich die Lauterkeit des Herzens zu erhalten, die Schwierigkeiten neu aufleben.
Eine bestimmte Art von Sich-gehen-Lassen verschleiert den wahren Sinn des schwierigen, aber von Freude getragenen Engagements eines Lebens in Keuschheit. Du sollst wissen, dass dein Verhalten und deine äussere Erscheinung ein Zeichen sind, dessen Vernachlässigung uns auf dem gemeinsamen Weg hemmen kann. / (50)
In der Lauterkeit des Herzens lebt nur, wer sich spontan und freudig von sich selbst lossagt, um sein Leben hinzugeben für die, die er liebt18. Und diese Selbsthingabe setzt voraus, dass man es hinnimmt, in seinem Empfinden oft verletzt zu werden.
Es gibt keine Freundschaft ohne reinigendes Leiden.
Es gibt keine Nächstenliebe ohne das Kreuz. Das Kreuz allein gibt zu erkennen, wie unergründlich tief die Liebe ist. / (51)
Gütergemeinschaft
Die Gütergemeinschaft ist total.
17 Vgl. 1 Kor 7,32 18 Joh 15,13
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Die Kühnheit, alles, was heute da ist, aufs Beste zu nutzen, sich keinerlei Kapital zu sichern — ohne Furcht vor möglicher Armut — gibt eine unberechenbare Kraft.
Legst du jedoch, wie Israel, das Brot vom Himmel für morgen zurück19, läufst du Gefahr, unnütz die Brüder zu überfordern, die berufen sind im jetzigen Augenblick zu leben. / (52)
Armut als solche hat keinen Wert.
Der Arme nach dem Evangelium lernt es, ohne Absicherung für morgen zu leben, im unbeschwerten Vertrau- en, dass für alles gesorgt sein wird.
Der Geist der Armut besteht nicht darin, sich armselig zu geben, sondern darin, alles so zu halten, wie es der schlichten Schönheit der Schöpfung entspricht.
Der Geist der Armut ist Leben in der hellen Freude am Heute.
Wenn Gott die Güter der Erde umsonst austeilt, ist es Gnade für den Menschen, zu geben, was er empfan- gen hat. / (53)
Diener der Gemeinschaft: der Prior
Ohne Einheit besteht keine Hoffnung auf kühne und totale Hingabe im Dienst Jesu Christi. Individualismus zersetzt die Communauté und hält sie auf ihrem Weg auf.
Der Prior führt die Einheit in der Communauté herbei.
In geringfügigen praktischen Fragen weist er den Weg; aber in jeder wichtigen Frage hört er den Bruderrat, bevor er eine Entscheidung fällt. / (54)
Die Brüder sollen ihm gegenüber spontan bleiben, dabei jedoch daran denken, dass der Herr ihm ein Amt anvertraut hat, und aufmerksam auf alles achten, was seinen Dienst betrifft.
Durch ihr Vertrauen erneuern ihn die Brüder im ganzen Ernst seiner Berufung — zur Freude aller; Engstirnig- keit und kleinliche Forderungen lähmen ihn in seinem Dienst.
Jeder Bruder soll offen zu ihm sprechen, besonders um seine Bedenken zu äussern. Aufsässigkeit in Ge- genwart anderer kann nur ansteckend wirken. Der Versucher hat hier seine wirksamsten Waffen, um zu zer- spalten, was eins sein soll. Hüten wir uns vor kindischen Reaktionen, bei denen man andere beschuldigt, wo man sich zunächst selbst anklagen müsste.
Besteht das Streben nach Vollkommenheit darin, seinen eigenen Standpunkt als / (55) den besten vorschrei- ben zu wollen, ist es eine Plage in der Gemeinschaft. Vollkommenheit besteht gerade darin, die Unvoll- kommenheit des Nächsten zu ertragen —und zwar aus Liebe.
Der Prior unterliegt derselben Schwachheit wie seine Brüder. Lieben diese ihn wegen seiner menschlichen Eigenschaften, laufen sie Gefahr, ihn nicht mehr in seinem Dienstamt anzuerkennen, wenn sie seine Fehler entdecken.
Der Prior bestimmt einen Bruder, der nach ihm die Kontinuität sichern soll.
Die Entscheidungen zu treffen ist eine verantwortungsschwere Aufgabe für den Prior.
Er achte also darauf und bete, den ganzen Leib in Christus aufzubauen.
Er suche nach den besonderen Gaben jedes Bruders und helfe ihm, sie zu entdecken. / (56) Er betrachte seinen Auftrag nicht als etwas Höheres, aber erfülle ihn auch nicht mit falscher Zurückhaltung. Er denke ein- zig und allein daran, dass er ihm von Christus anvertraut ist, dem er dafür einmal Rechenschaft zu geben hat. Er breche in sich jeden Autoritarismus, sei aber ohne Schwäche, um seine Brüder auf dem Weg Gottes zu halten. Er lasse nicht zu, dass die Autoritären sich durchsetzen und gebe den Schwachen ihr Selbstvertrauen zurück.
Er wappne sich mit Barmherzigkeit und erbitte sie von Christus als die Gnadengabe, die für ihn am wesent- lichsten ist. / (57)
Die ausgesandten Brüder
Wie die Jünger ausgesandt zu je zwei und zwei20, sind die ausgesandten Brüder Zeugen Christi. Sie sollen ein Zeichen seiner Gegenwart unter allen Menschen und Träger der Freude sein.
19 Vgl. Ex 16 20 Lk 10,1
7

Immer und überall stehen sie für die Communauté; ihr Verhalten ist verbindlich für das Zeugnis aller. Sie hal- ten den Prior regelmässig über ihr Leben auf dem Laufenden. Ohne seine Zustimmung / (58) sollen sie sich nicht in ein neues Unternehmen stürzen, da er den Auftrag hat, Rat einzuholen. Wahren die ausgesandten Brüder diesen engen Kontakt nicht, zerstören sie sehr bald die Einheit des Ganzen.
Sind sie zu zweit oder mehr, bestimmt der Prior einen Verantwortlichen. Das geistliche Leben ist das der Communauté. / (59)
Die neuen Brüder
Als Vorbereitung auf die Nachfolge Christi bedarf der neue Bruder einer Zeit der Reifung.
Er hüte sich vor der Illusion, bereits am Ziel zu sein. Auch wenn er sich schnell einlebt, braucht er Zeit, um die Berufung in ihren letzten Konsequenzen zu begreifen.
Solange die neuen Brüder uns nicht näher kennen, sind wir versucht, sie für uns in Beschlag zu nehmen. Denken wir daran, dass Brüder dafür bestimmt sind, ihnen zuzuhören und sie auf die Profess vorzubereiten. / / (61)
Der Gästeempfang
In einem Gast haben wir Christus selber aufzunehmen. Lernen wir es, gastlich zu empfangen, seien wir be- reit, unsere freie Zeit hinzugeben; die Gastfreundschaft soll grosszügig sein und mit der Fähigkeit zur Unter- scheidung geübt werden.
Bei Tisch sollen die Brüder auf die Anwesenheit eines Gastes Rücksicht nehmen und darauf achten, dass er nicht verwirrt wird.
Einige Brüder sind mit dem Gästeempfang beauftragt, während andere Brüder ihrer Arbeit nachgehen; damit soll jeder Dilettantismus vermieden werden. / / (63)
Schlussbemerkung
Es liegt eine Gefahr darin, dass in der vorliegenden Regel nur das Wesentliche aufgezeigt ist, das das ge- meinsame Leben erst ermöglicht. Es ist besser, dieses Risiko einzugehen, als in Selbstzufriedenheit oder Routine zu verfallen.
Sollte diese Regel als ein Abschluss angesehen werden, worauf unser ganzes Streben hinausläuft, und uns davon entbinden, immer mehr nach dem Plan Gottes, der Liebe Christi und dem Licht / (64) des Heiligen Geistes zu suchen, würden wir uns eine unnütze Last auferlegen; besser wäre sie dann nie geschrieben wor- den.
Damit Christus in mir wachse, muss ich meine eigene und die Schwachheit der Menschen, meiner Brüder, kennen. Für sie werde ich allen alles, und gebe ich auch noch mein Leben, um Christi und des Evangeliums willen21. / (65)
Ermahnung, verlesen bei der Profess
Bruder, wonach verlangst du?
— Nach der Barmherzigkeit Gottes und der Gemeinschaft meiner Brüder. Gott vollende in dir, was er begonnen.
Bruder, der du dich der Barmherzigkeit Gottes anvertraust, denke daran, dass Jesus Christus deinem schwa- chen Glauben zu Hilfe kommt und, indem er sich mit dir engagiert, für dich die Verheissung erfüllt:
Amen, ich sage euch: jeder der Haus / (66) oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Frau oder Kinder um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: jetzt, in dieser Zeit, wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter und Kinder erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben22.
21 Mk 10,29
22 Mk 10,29-30 und Lk 18,29-30
8

Dies ist ein Weg entgegen aller menschlichen Vernunft, aber wie Abraham kannst du nur als Glaubender nicht als Schauender vorankommen23, allezeit gewiss, dass, wer sein Leben um Christi willen verliert, es wie- derfinden wird24. Ziehe von nun an auf den Spuren Christi. Sorge dich nicht um morgen25. Suche zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit26. Gib dich ganz hin, verschenke dich, und ein reiches, volles, ge- häuftes, überfliessendes Mass wird in deinen Schoss geschüttet werden, denn / (67) nach dem Mass, mit dem du zuteilst, wird auch dir zugemessen werden27.
Ob du wachst oder schläfst, bei Tag und bei Nacht, keimt und wächst der Samen und du weisst nicht, wie28. Hüte dich, deine Frömmigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen, um dafür bewundert zu werden29. Dein inneres Leben soll dir kein trauriges Aussehen geben, wie bei einem Heuchler, der eine niedergeschlagene Miene aufsetzt, um von den Menschen gesehen zu werden. Salbe dein Haupt, wasche dein Gesicht, damit nur dein Vater, der das Verborgene sieht, die Absicht deines Herzens erkennt30.
Erhalte dich in der Einfachheit und in der Freude, der Freude der Barmherzigen, der Freude brüderlicher Lie- be.
Sei wachsam. Musst du einen Bruder zurechtweisen, geschehe es zwischen dir und ihm allein31. / (68) Bemühe dich um menschliche Gemeinschaft mit deinem Nächsten.
öffne dich voll Vertrauen. Du sollst wissen, dass ein Bruder beauftragt ist, dir zuzuhören. Verstehe ihn, damit er seinen Dienst mit Freude versieht32.
Der Herr Jesus Christus hat dich in seinem Erbarmen und in seiner Liebe dazu berufen, in der Kirche ein Zeichen brüderlicher Liebe zu sein. Er will, dass du mit deinen Brüdern das Gleichnis des gemeinsamen Le- bens verwirklichst.
Gib es fortan auf zurückzuschauen33 und, freudig aus unendlicher Dankbarkeit, scheue dich nie, der Morgen- röte vorauszueilen34,
um zu loben
und zu preisen
und zu rühmen Christus, deinen Herrn. / (69)
Die Engagements bei der Profess
— Nimm mich an, Herr, und ich werde leben, und gib, dass ich voll Freude dich erwarte.
Bruder, denk daran, dass es Christus ist, dem du jetzt auf den Ruf antwortest, den er an dich richtet. / (70) Willst du aus Liebe zu Christus dich ihm hingeben mit allem, was du bist?
— Ich will es.
Willst du von nun an den Dienst für Gott in unserer Communauté tun, in Gemeinschaft mit deinen Brüdern? — Ich will es.
Willst du unter Verzicht auf alles Eigentum mit deinen Brüdern zusammenleben, nicht nur in materieller, son- dern auch in geistlicher Gütergemeinschaft, indem du dich um die Offenheit des Herzens bemühst?
— Ich will es.
Willst du, um besser verfügbar zu sein für den Dienst mit deinen Brüdern und um dich ungeteilt der Liebe Christi zu schenken, im Zölibat bleiben?
— Ich will es. / (71)
23 2 Kor 5,7 24 Mt 6,25 25 Mt 6,34 26 Mt 6,33 27 Lk 6,38 28 Mk 4,27 29 Mt 6,1
30 Mt 6,16-18 31 Mt 18,15 32 Hebr 13,17 33 Phil 3,13
34 Ps 119,147
9

Willst du, damit wir ein Herz und eine Seele seien und unsere Einheit im Dienst sich voll verwirkliche, die Entscheidungen der Communauté übernehmen, die durch den Prior zum Ausdruck gebracht werden, und dabei daran denken, dass er in der Communauté lediglich ein armer Diener an der Gemeinschaft ist?
— Ich will es.
Willst du stets Christus in deinen Brüdern erkennen und so über sie wachen an guten und schlechten Tagen, im Leiden und in der Freude?
— Ich will es.
Daraufhin bist du um Christi und des Evangeliums willen von jetzt an Bruder unserer Communauté. / (72)
Herr Jesus Christus,
freundlich und demütig von Herzen, wir hören deinen verhaltenen Ruf «Du, folge mir nach». An uns ergeht deine Berufung,
damit wir zusammen
ein Gleichnis der Gemeinschaft leben und, nachdem wir das Risiko
eines ganzen Lebens
auf uns genommen haben,
Ferment der Versöhnung seien
in jener unersetzlichen Gemeinschaft, der Kirche.
Gib, dass wir mutig darauf antworten, ohne im Treibsand unserer Ausflüchte zu versinken. Komm, damit wir ganz
aus dem Atem deines Geistes leben, dem einzig Wesentlichen, / (73)
ausser dem nichts sonst uns anhält, unseren Weg neu aufzunehmen.
Von jedem,
der zusammen mit dir
zu lieben und zu leiden weiss,
verlangst du, sich selbst zurückzulassen, um dir nachzufolgen.
Wenn es nötig wird,
um mit dir zu lieben und nicht ohne dich, diesen oder jenen Zukunftsplan aufzugeben,
weil er deinem Plan zuwiderläuft, dann komm, Christus,
und öffne uns
dem unbeschwerten Vertrauen
lass uns darum wissen,
dass deine Liebe niemals vergeht
und dass dir nachfolgen bedeutet, unser Leben hinzugeben.
Aus: Frère Roger, Taizé: Die Quellen von Taizé (enthält die Regel von Taizé) /Taizé 1983, 11-73.
Das Lebensengagement von Taizé heute
http://www.taize.fr/de_article239.html (Zugriff 25.3.2012)
Die untenstehenden Worte werden am Tag gesprochen, an dem sich ein Bruder für das ganze Leben in der
Communauté von Taizé engagiert.
Geliebter Bruder, wonach verlangst du?
Nach der Barmherzigkeit Gottes und der Gemeinschaft meiner Brüder.
Gott vollende in dir, was er begonnen.
Bruder, der du dich der Barmherzigkeit Gottes anvertraust, denk daran, dass Jesus Christus deinem schlich- ten Glauben zu Hilfe kommt, sich auf dich einlässt und für dich die Verheißung erfüllt: Jeder, der um Christi und um des Evangeliums willen alles verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: jetzt, in dieser
10

Zeit, wird er Brüder, Schwestern, Mütter und Kinder erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.
Dies ist ein Weg entgegen aller menschlichen Vernunft, aber wie Abraham kannst du nur als Glaubender, nicht als Schauender vorankommen, gewiss, dass, wer sein Leben um Christi willen verliert, es wieder finden wird.
Ziehe von nun an auf den Spuren Christi. Sorge dich nicht um morgen. Suche zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Gib dich ganz hin, verschenke dich, und in reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man dich beschenken.
Ob du wachst oder schläfst, bei Tag und bei Nacht, der Samen keimt und wächst, und du weißt nicht wie. Dein inneres Leben soll dir kein trauriges Aussehen geben. Salbe dein Haupt, wasche dein Gesicht, damit nur dein Vater, der im Verborgenen ist, die Absicht deines Herzens erkennt.
Erhalte dich in der Einfachheit und in der Freude, der Freude der Barmherzigen, der Freude brüderlicher Lie- be.
Sei wachsam. Musst du einen Bruder zurechtweisen, geschehe es zwischen dir und ihm allein. Bemühe dich um menschliche Gemeinschaft mit deinem Nächsten.
Öffne dich voll Vertrauen. Du sollst wissen, dass ein Bruder beauftragt ist, dir zuzuhören. Verstehe ihn, damit er seinen Dienst mit Freude versieht.
Der Herr Jesus Christus hat dich in seinem Erbarmen und in seiner Liebe zu dir dazu berufen, in der Kirche ein Zeichen brüderlicher Liebe zu sein. Er ruft dich auf, mit deinen Brüdern das Gleichnis des gemeinsamen Lebens zu verwirklichen.
Gib es fortan auf zurückzuschauen und, freudig aus unendlicher Dankbarkeit, scheue dich nie, der Morgenrö- te vorauszueilen, um zu loben und zu preisen und zu rühmen Christus, deinen Herrn.
Nimm mich an, Herr, und ich werde leben, und gib, dass ich voll Freude dich erwarte.
Geliebter Bruder, Christus ist es, dem du jetzt auf den Ruf antwortest, den er an dich richtet. Willst du aus Liebe zu Christus dich ihm hingeben mit allem, was du bist?
Ich will es.
Willst du von nun an den Ruf Gottes in unserer Communauté erfüllen, in Gemeinschaft mit deinen Brüdern? Ich will es.
Willst du mit deinen Brüdern zusammenleben, in materieller und in geistlicher Gütergemeinschaft, in aller Offenheit des Herzens?
Ich will es.
Willst du, um besser verfügbar zu sein für den Dienst mit deinen Brüdern und um dich ungeteilt der Liebe Christi zu schenken, in der Ehelosigkeit verbleiben?
Ich will es.
Willst du, damit wir ein Herz und eine Seele sind und unsere Einheit sich voll verwirklicht, die Entscheidungen der Communauté übernehmen, die durch den Diener der Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht werden, und dabei daran denken, dass er lediglich ein armer Diener des Evangeliums ist?
Ich will es.
Willst du stets Christus in deinen Brüdern erkennen und so über sie wachen an guten und schlechten Tagen, im Leiden und in der Freude?
Ich will es.
Daraufhin bist du um Christi und des Evangeliums willen von jetzt an Bruder unserer Communauté. Dieser Ring sei das Zeichen unserer Treue im Herrn.
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Taizé, Regeln Orden, Quelle

Taize Basel - Predigten Frere Alois

Während den Abendgebeten hat Frere Alois folgende Worte / Predigt an die Teilnehmenden gerichtet (Quelle Website von Taizé)

Frère Alois, Basel, Sonntagabend, 31. Dezember 2017

Wir haben soeben gehört, wie Jesus im Evangelium davon spricht, dass er der gute Hirte ist, dass er noch andere Schafe hat und dass es nur eine Herde und einen Hirten geben wird. Jesus ist nicht nur für eine kleine Gruppe von Menschen auf die Erde gekommen, sondern um die ganze Menschheitsfamilie zusammenzuführen. Von daher haben wir unsere Hoffnung auf Frieden unter den Menschen. Mit großer Hoffnung beten wir heute Abend für den Frieden.
Es ist wahr, dass der Frieden bedroht ist. Ich möchte zwei der größten Herausforderungen ansprechen, vor denen die Menschheitsfamilie momentan steht.
Die erste besteht darin, dass unzählige Männer, Frauen und Kinder überall auf der Welt gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Manchmal sind es Krieg und herrschende Unsicherheit, extreme Armut und ein Fehlen jeglicher Perspektiven für die Zukunft oder aber auch klimatische Veränderungen.
Diese Menschen sind in ihrer Not auf Solidarität angewiesen. Und sie werden – das können wir in Taizé bezeugen – dadurch manchmal zu Freunden. Es ist, als ob Christus uns einlädt, über unsere Ängste und unsere Vorurteile hinauszugehen; so als ob er uns sagt: „Ich bin der Hirte aller Menschen. Ich bin auch für sie gestorben – ob sie Christen sind oder nicht. Du kannst also auch zu ihrem Freund werden.“
Die zweite Herausforderung besteht darin, dass unser Planet Erde verwundbar ist. Hören wir auf seinen Ruf. Angesichts der Umweltkatastrophen, vor allem in den ärmsten Regionen der Welt, tragen die westlichen Länder eine große historische Verantwortung.
Zahlreiche Initiativen werden auf den verschiedenen Ebenen ergriffen. Doch sie gehen nicht weit genug. Im Namen von uns allen wage ich folgenden Aufruf an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft: Finanzielle Mittel für die notwendigen Veränderungen sind vorhanden. Sie müssen aber auch dafür eingesetzt werden, Armut zu beseitigen und die Umwelt zu schützen!
Diese beiden Herausforderungen, die den Frieden bedrohen, sind ungeheuer groß. Doch wir werden uns nicht entmutigen lassen. Wir sind in diesen Tagen an die Quelle einer unerschöpflichen Freude gegangen. Lassen wir diese Quelle in unseren Herzen aufbrechen. Sie wird uns allen den Mut schenken, wo immer es möglich ist, aktiv zu werden und, so klein unser Beitrag auch sein mag, nach Lösungen zu suchen.
Um den Frieden vorzubereiten, möchten wir ein geschwisterliches Zusammenleben fördern. Dazu ist es wichtig, uns anderen Kulturen und Mentalitäten zu öffnen. Das führt uns manchmal sehr weit. Vor meiner Reise in den Südsudan und in den Sudan war ich mit zwei meiner Brüder in einem anderen Teil Afrikas, der ebenfalls schwere Zeiten durchmachte. Wir hatten ein Jugendtreffen in Ägypten.
Einhundert Jugendliche aus Europa, Nordamerika, Afrika und dem Nahen Osten waren dort zusammengekommen. Sie wurden von einhundert jungen orthodoxen Kopten aus Kairo, Alexandria und Oberägypten empfangen. Fünf Tage haben wir gemeinsam die lange und reiche koptisch-orthodoxe Tradition der Kirche in Ägypten kennengelernt.
In Taizé waren den ganzen Sommer über junge arabische Christen, Kopten aus Ägypten, Katholiken und Orthodoxe aus dem Libanon, aus Jordanien, dem Irak und aus Palästina bei uns. Die drei Monate mit ihnen auf unserem Hügel haben uns den Nahen Osten nähergebracht. Wir haben durch sie die Sehnsucht nach Frieden der jungen arabischen Christen gespürt und möchten ihnen noch näher sein.
In wenigen Monaten werden wir einen weiteren Pilgerweg unternehmen. Der Ort ist weit entfernt, sodass wir nicht sehr zahlreich dorthin fahren können; es wird ein einfacher Besuch werden, aber er wird die Verbindungen mit der orthodoxen Kirche vertiefen. Die jungen Russen, die heute Abend in der „St. Jakob-Arena“ sind, werden sich darüber freuen: Vom 16. bis 19. Mai werden wir mit einigen meiner Brüder und einigen Jugendlichen am orthodoxen Himmelfahrtsfest in der sibirischen Stadt Kemerowo teilnehmen.
Unser Bemühen, Gemeinschaft entstehen zu lassen, kann uns sehr weit führen. Aber den ersten Schritt tun wir vor unserer eigenen Tür. Überwinden wir bei uns zu Hause das, was uns von anderen trennt; suchen wir das Gespräch mit denen, die anders denken als wir; bauen wir Brücken zwischen Religionen, zwischen Regionen, den Ländern Europas und zwischen den verschiedenen Kontinenten!
Gehen wir auf die zu, die am schwächsten sind! Lassen wir uns zum Beispiel von einem Obdachlosen seine Geschichte erzählen, oder von einem Menschen, der mit einer Behinderung lebt, einem Kranken oder einem Flüchtling! Dann stellen wir fest, dass unser Herz sich öffnet und weit wird, dass wir menschlicher werden und sogar eine Freude entdecken.
Nehmen wir also von diesem Treffen in Basel diese letzten Worte mit nach Hause: Der Mensch ist für die Freude geschaffen und die Freude kann man nicht für sich selbst behalten, sondern man muss sie mit anderen teilen. Die Freude entspringt aus der Liebe Gottes; diese nie versiegende Freude gibt uns eine innere Kraft, uns für andere einzusetzen.

Frère Alois, Basel, Samstagabend, 30. Dezember 2017

In den letzten beiden Tagen habe ich von meinem Besuch mit einem meiner Brüder bei den ärmsten Menschen im Südsudan und im Sudan erzählt, denn dieser Besuch beschäftigt mich noch immer. Im Evangelium haben wir soeben gehört, wie Jesus sagt: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ Was meint er mit diesen Worten?
Im Südsudan hat mich in einem Lager für Flüchtlinge aus anderen Landesteilen besonders der Mut der Frauen berührt. Eine Frau erzählte mir, wie sie versucht, Versöhnung und Frieden zu stiften. Das Wasser ist rationiert und manchmal kommt es an den Verteilstellen zu Streit. So hat sie mit einer Gruppe von Frauen damit begonnen, für eine gerechte Verteilung zu sorgen. Diese Frau sagte zu mir: „Indem wir das Wasser miteinander teilen und das „Jeder-für-sich“ überwinden, schaffen wir Frieden.“
Diese Frau hat verstanden, dass der Frieden in uns selbst beginnt und dass ein geschwisterliches Zusammenleben um uns herum davon abhängt, wie wir konkret im Alltag leben.
Wir haben uns um Christus versammelt und wir wissen, dass das Evangelium die Botschaft einer weltumspannenden Geschwisterlichkeit in sich birgt. Die Einheit, die Christus zwischen Gott und den Menschen hergestellt hat, führt zu einer Versöhnung jedes Menschen mit sich selbst – dem Frieden des Herzens –, zu einer Versöhnung der Menschen untereinander – dem Frieden auf Erden – und zu einer Versöhnung der Menschheitsfamilie mit der ganzen Schöpfung.
Viele sehnen sich danach, dass Christen zur Einheit finden, um diese Botschaft der Gemeinschaft nicht länger zu verdunkeln. Wenn die Christen getrennt sind, verliert die Botschaft des Evangeliums ihre Strahlkraft. Unsere brüderliche Einheit kann ein Zeichen der Einheit und des Friedens zwischen den Menschen sein.
Deshalb stelle ich, wenn man mir die Gelegenheit dazu gibt, immer wieder die Frage: Wäre es nicht an der Zeit, dass die getrennten Kirchen den Mut aufbringen, sich unverzüglich unter ein Dach zu begeben, noch bevor ein Übereinkommen in allen theologischen Fragen gefunden wird?
Wie können wir uns „unter ein Dach begeben“? Indem wir alles gemeinsam tut, was gemeinsam getan werden kann: Bibelarbeit, soziale und seelsorgliche Arbeit sowie Religionsunterricht – indem wir nichts mehr unternehmen, ohne uns die Frage zu stellen, was dies für die anderen bedeutet; indem wir zusammen Zeichen der Solidarität setzen angesichts der Armut und des Leidens auf der Welt und indem wir uns für den Schutz der Umwelt einsetzen; indem wir öfter in der Gegenwart Gottes zusammenkommen, auf sein Wort hören, gemeinsam Stille halten und Gott loben.
In diesem Geist, der hier in Basel und in der Region zu spüren ist, haben sich die Christen der verschiedenen evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen zusammengetan, um uns aufzunehmen. Wir danken ihnen für die Einladung. Wir danken allen, die ihre Türen geöffnet haben, um uns so herzlich willkommen zu heißen. Danke auch den Zivilbehörden, die zusammengearbeitet haben.
Um auf dem Weg zur Einheit der Christen voranzugehen, möchte ich eine Frage wiederholen, die ich bereits im Mai in der Lutherstadt Wittenberg und vor Kurzem in Genf, der Stadt Calvins, gestellt habe.
Vor einem Jahr hat Papst Franziskus am Vorabend des 500. Jahrestags der Reformation die evangelisch-lutherischen Christen in Lund (Schweden) besucht und in einem Gebet Worte gesprochen, die noch nie zuvor ein Papst so gesagt hat: „Heiliger Geist, lass uns mit Freude anerkennen, welche Gaben durch die Reformation der Kirche zuteil geworden sind.“
Fordern diese Worte nicht zum Nachdenken auf; verlangen sie nicht eine Antwort! Sollten wir mit Großmut Gott nicht in erster Linie für die Gaben danken, die er uns geschenkt hat, sondern für die Gaben, die er den anderen anvertraut hat und die wir uns von den anderen schenken lassen können? Welcher Konfession wir auch angehören: Sind wir bereit, die Werte anzuerkennen, die Gott den anderen gegeben hat?
Die Versöhnung zwischen den Kirchen ist der Weg hin zu einer neuen Wirklichkeit, von der wir noch nicht wissen, wie sie genau aussehen wird. Vertrauen wir dem Wort des Propheten Jesaja, der sagt: „Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht kennen, auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern.“ Der Heilige Geist wird uns auf Wegen führen, die wir im Vorhinein nicht kennen.
Das ganze Jahr 2018 hindurch werden wir den Heiligen Geist bitten, uns durch unser Leben immer mehr zu Zeugen der Versöhnung und des Friedens zu machen. Dazu setzen wir unseren Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde fort. Ich werde jetzt einige Etappen dieses Pilgerwegs nennen.
In Taizé gehen die wöchentlichen Jugendtreffen mit zwei besonderen Momenten weiter: Im Juli 2018 findet ein Freundschaftwochenende zwischen jungen Christen und Muslimen statt. Dabei möchten wir der Frage nachgehen, was uns vereint und was uns unterscheidet. Im August ist eine Woche den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren vorbehalten, um gemeinsam die Quellen der Freude freizulegen.
Wie ich bereits im vergangenen Jahr angekündigt habe, findet im Jahr 2018 das siebte internationale Jugendtreffen in Asien statt, zu dem natürlich auch Jugendliche von den anderen Kontinenten eingeladen sind. Es findet vom 8. bis 12. August statt und alle Jugendlichen sind herzlich willkommen. Dieses Treffen wird in Hong Kong stattfinden.
Zuvor werden wir ein internationales Jugendtreffen in einem Land vorbereiten, das uns besonders am Herzen liegt und wo wir noch nie ein solches Treffen hatten. In diesen Tagen sind 2800 Jugendliche aus diesem Land unter uns und das Treffen dort wird vom 28. April bis 1. Mai stattfinden. Es ist in der Ukraine, in der Stadt Lwiw/Lemberg.
Vom 25. bis 28. Oktober wird ein weiteres Treffen besonders Jugendliche aus mehreren mitteleuropäischen Ländern zusammenbringen. Dieses Treffen wird in der österreichischen Stadt Graz stattfinden.
Und dann kommt das nächste Europäische Treffen. Letztes Jahr waren wir in Nordeuropa, in Riga. Nächstes Jahr fahren wir in den Süden, in eine Stadt, in der wir noch nie ein Europäisches Treffen vorbereitet haben und die auf der Iberischen Halbinsel liegt. Wir sind schon mehrmals in Barcelona sowie in Lissabon und Valencia herzlich aufgenommen worden.
Für nächstes Jahr sind wir vom 28. Dezember 2018 bis zum 1. Januar 2019 nach Madrid eingeladen.

Frère Alois, Basel, Freitagabend, 29. Dezember 2017

Gestern Abend habe ich gesagt, dass ich im Oktober mit einem meiner Brüder eine Woche im Südsudan und eine Woche im Sudan war. Nach der Rückkehr dachte ich an unser Treffen in Basel und habe mich gefragt: Wie kann ich den Jugendlichen in Basel den Schrei des Schmerzes hörbar machen, der aus dem Elend, der Gewalt, der extremen Not aufsteigt, die wir in Afrika gesehen haben.
Ich habe mich auch gefragt, was wir tun können, damit dieser Schrei gehört wird und die Menschen in ihrer Not nicht mehr den Eindruck haben, dass ihr Schrei verhallt!
Der Südsudan macht eine sehr schwere Zeit durch. Viele Menschen haben jegliche Perspektive verloren und haben keine Hoffnung mehr. Im Land herrscht eine galoppierende Inflation, seit Monaten werden keine Löhne mehr ausgezahlt. Gewalt breitet sich aus und viele Waffen sind im Umlauf.
Ich habe gesehen, wie Mütter ihre unterernährten Kinder zu den Schwestern von Mutter Teresa brachten. Manchmal kommt ein neun- oder zehnjähriges Mädchen mit ihrem kleinen Bruder. Um auf dem Markt etwas zu verkaufen, sind diese Frauen bei drückender Hitze den ganzen Tag über unterwegs – ihre Ware tragen sie auf ihrem Kopf und ein in ein Ziegenleder gewickeltes Baby hängt ihn einem Tragetuch an ihnen.

Von der Woche im Sudan bleibt mir eine andere Frau unvergesslich in Erinnerung, die Mutter von Samir. Wer ist Samir? Er war einer der jungen Flüchtlinge, die vor zwei Jahren zu uns gekommen sind. Er hatte eine allzu anstrengende Reise hinter sich und ist kurz nach der Ankunft völlig unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben. Die anderen jungen Flüchtlinge haben zusammen mit einem Imam aus unserer Region sein Begräbnis organisiert.
Im Sudan habe ich all das seiner Mutter erzählt. Bei jedem Satz stimmte sie mit den Worten zu: „Al hamdulillah – Gelobt sei Gott!“ Dann sagte sie zu mir: „Er war mein einziger Sohn. Mein Mann hat mich verlassen. Ich bin krank und hatte unser Haus verkauft, um Samir die Reise zu ermöglichen.“ Dann sprach diese muslimische Frau Worte, welche die Bibel Hiob in den Mund legt: „Gott hat gegeben, Gott hat genommen. Gelobt sei Gott!“
Ich glaube, wir können in dieser Frau alle Mütter auf der Welt sehen, die für ihre Kinder leiden.
Solche Geschichten sind sehr ergreifend. Aber auch in Europa, manchmal ganz in unserer Nähe, gibt es Menschen, die vom Leben verwundet sind und Schweres durchmachen. Aus dem Evangelium, das wir heute Abend gelesen haben, wissen wir, dass der menschgewordene Jesus Christus mit jedem Menschen vereint ist. Er ist in jedem Menschen gegenwärtig, besonders in denen, die niemanden mehr haben. Was wir den Allergeringsten tun, das tun wir ihm.
Ich möchte mit euch meine Erfahrung teilen: Wenn wir den Schrei eines notleidenden Menschen aus der Nähe hören, wenn wir ihm in die Augen schauen, ihm zuhören, wenn wir diejenigen berühren, die leiden, dann sind wir Jesus besonders nahe, der als Armer unter armen Menschen gelebt hat; diese Menschen führen uns in eine tiefe Freundschaft mit ihm.
Eine persönliche Begegnung mit den Schwächsten lässt uns die Würde des Anderen erkennen und wir können uns auch noch von den Ärmsten der Armen beschenken lassen. Tragen sie nicht auf unersetzliche Weise zum Aufbau einer geschwisterlichen Gesellschaft bei? Sie führen uns unsere eigene Verletzlichkeit vor Augen. Dadurch machen sie uns demütiger und menschlicher.
Und paradoxerweise ist uns darin eine Freude geschenkt, vielleicht nur ein Funken, aber eine wahre Freude, die die Ärmsten mit uns teilen.
Morgen Früh werdet ihr in den Gesprächsgruppen über die Frage sprechen: Wie können wir auf den Schrei der Allerärmsten hören und mit unserem Leben darauf reagieren? Wie können wir hören, was sie uns zu sagen haben. – Sie helfen uns, unsere kleinen Probleme hinter uns zu lassen und uns darüber zu freuen, einfacher und menschlicher zu werden. Ihr Mut macht uns selbst neuen Mut.

Frère Alois, Basel, Donnerstagabend, 28. Dezember 2017

Jedem von euch, die ihr aus ganz Europa und darüber hinaus angereist seid, möchte ich heute Abend sagen: Willkommen in Basel! Willkommen in dieser so gastfreundlichen Stadt!
Ein herzliches Dankeschön an alle, die uns nicht nur in der Stadt, sondern in der ganzen Region, in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland aufnehmen!
Zum ersten Mal findet unser Europäisches Treffen in einem Dreiländereck statt, wo zudem zwei verschiedene Sprachen gesprochen werden. Basel ist eine europäische Stadt. Wir möchten hier zum Ausdruck bringen, dass der Weg zu einem vereinten Europa unumkehrbar ist.
Basel ist auch eine von der Reformation im 16. Jahrhundert geprägte Stadt, in der es heute viele ökumenische Initiativen gibt. Indem wir hier zusammenkommen, möchten wir diesen Weg zur Einheit der Christen hervorheben.
Es ist eine große Freude, fünf Tage zusammen zu sein – in all unserer Vielfalt, was unsere Herkunft, Kultur und Konfessionen betrifft. Wir freuen uns, aber wir sehnen uns natürlich alle nach einer Freude, die länger dauert als nur fünf Tage, nach einer Freude, die nie versiegt.
„Eine Freude, die nie versiegt“: Ihr habt im Begleitheft des Treffens gesehen, dass es während dieses Treffens und im ganzen kommenden Jahr darum gehen wird. „Freu dich, freu dich von ganzem Herzen“: Diese Aufforderung haben wir im soeben gelesenen Bibeltext gehört.
Im vergangenen Oktober war ich mit einem meiner Brüder eine Woche im Südsudan und danach eine Woche im Sudan. Es lag mir viel daran, die Situation in diesen beiden Ländern besser zu verstehen und mit den Menschen zu beten, die zu denen gehören, die momentan am meisten leiden.
Nach der Rückkehr sagte ich mir: „So viele Menschen sind von der Gesellschaft ausgeschlossen, leiden unter Gewalt, Hunger, Krankheit, Exil und Naturkatastrophen. Kann man da noch von Freude sprechen, von dieser Freude, die – neben Einfachheit und Barmherzigkeit – eine der drei Grundgedanken ist, die Frère Roger in den Mittelpunkt des Lebens unserer Communauté von Taizé gestellt hat?
Dabei musste ich an die Kinder denken, die wir in Flüchtlingslagern in Afrika kennengelernt haben und die oft schon sehr früh einen großen Teil der täglichen Arbeit übernehmen müssen. Dennoch haben uns diese Kinder ganz selbstverständlich und mit großer Freude aufgenommen. So etwas erlebt man nicht nur in Afrika; es ist eine Erfahrung, die man überall auf der Welt machen kann.
In Afrika haben wir gesehen, dass selbst dort, wo sich viele tragische Schicksale abspielen, in den Kindern das Leben aufstrahlt. Zu früh wird ihre unschuldige Freude zerstört, wenn sie begreifen, dass ihnen schweres Unrecht auferlegt wird. Aber ihre Freude ist für uns wie ein Lichtstrahl, der uns erleuchten könnte. Wo ist die Quelle ihrer Freude?
Morgen früh werdet ihr über den ersten der „Vier Vorschläge für das Jahr 2018“ sprechen. Er trägt den Titel: „Die Quellen der Freude freilegen“. Dabei könntet ihr noch einmal auf den Bibeltext von heute Abend zurückkommen: Er lädt zur Freude ein und er zeigt deren Quelle, wenn es heißt: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte.“
Die Freude des Evangeliums kommt aus dem Vertrauen, dass Gott uns liebt, mit einer grenzenlosen Liebe, die er zu jedem von uns hat. Wenn ihr von Basel nur eines mitnehmen könntet – nämlich die Gewissheit dieser unendlichen Liebe Gottes, einer Quelle der Freude –, dann würdet ihr das Wesentliche mitnehmen.
Morgen beim Abendgebet werde ich versuchen zu zeigen, dass die Freude, die aus der Liebe Gottes kommt, keineswegs eine Flucht vor den Problemen unserer Zeit ist. Ganz im Gegenteil, sie macht uns noch sensibler für die Not der anderen.
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