Montag, 15. Dezember 2008

Engel vom Hauptbahnhof Zürich



Hauptbahnhof Zürich. Wochenendgetümmel. In der Bahnhofshalle stürmen uns Fußballfans entgegen, als mich meine Freundin Susanne in die Seite boxt: „Du, schau mal. Siehst du die alte Frau dort hinten?“ Ich drehe mich um. Ja, eine zierliche alte Frau mit gebeugtem Oberkörper, achtzig könnte sie sein. Oder älter. Sie steht an einer Mauer, gestützt auf einen Rollstuhl, der vor ihr platziert ist. Eine Plastiktasche baumelt herab.
„Eine Stadtstreicherin?“, frage ich sofort.
„Nein, sie ist oft hier, wir Züricher kennen sie. Weißt du, was sie macht?“
„Keine Ahnung, was soll sie schon machen, nichts, sie steht da. Und wartet. Wartet auf irgendwas, irgendwen, irgendwann ...!“
„Nein, ganz falsch“, unterbricht mich Susanne, „sie segnet die Menschen. Es gab darüber einen Bericht in der Zeitung.“
Ich bleibe stehen. „Sie segnet die Menschen? Hier. Mitten im Züricher Hauptbahnhof? Mitten in diesem Gewimmel?“
Ich schaue genauer hin. Man sieht nicht viel. Eigentlich gar nichts. Sie beobachtet sehr genau, sie ist ganz wach. Ab und an verfolgt sie eine Person mit ihrem Blick. Das ist schon alles.
„Aber wer will das schon, gesegnet werden, hier im Getümmel, von dieser Frau?“
„Sag das nicht, manche sprechen sie sogar direkt an“, sagt Susanne. „Morgens vor allem, wenn jemand eine Prüfung vor sich hat oder einen Arztbesuch oder so ...!“
Was für eine verrückte Idee, denke ich, als wir schließlich weitergehen. Die Menschen in einem Bahnhof zu segnen, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen. Vor fünfzig Jahren machten das oft die Mütter oder Großmütter: Sie zeichneten ihren Kindern ein Kreuz auf die Stirn, bevor diese morgens das Haus verließen. Gott schütze dich, Gott helfe dir, egal, was passiert, sollte das heißen.
Viel Zärtlichkeit lag in dieser Geste. Beruhigendes auch: „Du bist nicht nur du, mein Kind. Schon gar nicht, wenn du jetzt aus dem Haus gehst. Du lebst in einem größeren Zusammenhang, ob du es weißt oder nicht, aber du wirst niemals ganz ohne Hilfe sein.“
Vielleicht hat die alte Frau das als Kind selbst noch erlebt – und genossen. Vielleicht steht sie deshalb jetzt hier und gibt diesen Segen weiter. Wildfremden Menschen, glücklichen, unglücklichen, hellen und dunklen, großen und kleinen.
Was für eine verrückte, nein, großartige Idee!


Aus: Antje Rösener, Momente der Gelassenheit. Kurze Geschichten zum Atemholen, S. 18 – 19 © Copyright 2005 by Gütersloher Verlagshaus, D-33311 Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, D- 81673 München. Internet: www.gtvh.de


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Segnerin der Passanten

Auf den ersten Blick wirkt sie ärmlich, die kleine alte Frau mit Rollstuhl, die sich täglich im Zürcher Hauptbahnhof aufhält. Ihr Blick aber ist voller Reichtum.
Von Colette Grünbaum-Flury
«Kann ich ihnen behilflich sein?», fragte ich die gebückte alte Frau, die, etwas verloren an einen Rollstuhl gelehnt, allein in der riesigen Bahnhofshalle stand. Sie wandte mir den Kopf zu und blickte mich aus erstaunlich jung und frisch scheinenden blauen Augen an. «Nein, danke», erwiderte sie lächelnd.
Es war 23.35 Uhr und ich hatte soeben meinen Zug verpasst. Das hiess 45 Minuten Wartezeit. Die vergangenen Monate hatte ich den Zürcher Hauptbahnhof mit all den vielen, zum Teil seltsamen Gestalten nicht ausstehen können. An diesem Abend aber genoss ich das bunte Treiben.
Nach der Polizeistunde war die alte Frau immer noch auf ihrem Platz. Ich stellte ihr abermals meine Frage und begann ein Gespräch mit ihr. Bald sagte sie freundlich, aber bestimmt: «Ich habe keine Zeit für Unterhaltungen. Ich muss die Leute segnen.» Erstaunt verabschiedete ich mich. Hatte ihr Segen meine äusserst gute Laune mitbewirkt? War es vielleicht sinnvoll, noch einige Male an ihr vorbeizugehen?
Ein Jahr später nahm ich mit gemischten Gefühlen den Auftrag entgegen, die einsame Alte im Bahnhof zu porträtieren. Jetzt schien sie noch kleiner, noch gekrümmter zu sein. Eingeschlafen sei sie, erwiderte sie, auf meine Frage, ob sie etwas brauche. Zwei Stunden hätte sie verschlafen. Sie sei schon mehrfach hingefallen. Einige Wirbel seien zertrümmert. Unter meiner Hand spürte ich die verkrümmte Wirbelsäule der Frau. Jetzt müsse sie aber weitermachen, unterbrach sie sich selbst. Segnen, das sei das Einzige, was Gott von ihr wolle, gab sie noch zu verstehen. Das tue sie nun seit zehn Jahren. Ich spürte, wie sie zusehends innerlich unter Druck kam, endlich weiterzumachen, und verabschiedete mich.
Eine schwierige Aufgabe, eine Frau zu porträtieren, die keine Auskunft geben will. Wir Journalisten orientieren uns gerne an Fakten, wollen nur ja nichts schreiben, das nicht stimmt. Ich mochte diese Frau nicht bedrängen. Früher sei sie Krankenschwester gewesen, habe auch mal am Letten für Drogenabhängige gekocht. Sie werde zum Bahnhof gebracht und abgeholt, schlafe in einem Altersheim, sei sehr ordentlich mit ihren Kleidern und finanziell komme sie über die Runden. Das alles wusste ich bereits aus der Gerüchteküche. Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen. Die Bahnhofshilfe schaue täglich nach ihr, brachte ich in Erfahrung, und Frieda liess mich wissen, sie gehöre einem christlichen Laienorden an.
«Darf ich über Sie schreiben?», fragte ich eines Tages. «Schreiben Sie lieber über die Fusstritte Gottes», antwortete sie. «Sonst kommen die Leute nur wieder und wollen sich bestätigen, was sie gelesen haben», fuhr sie fort. «Ich kann auch schreiben, dass Sie nicht gestört werden wollen», antwortete ich. «Wenn die Leute sehen, dass ich am Einschlafen bin, dann bin ich froh, wenn sie mich wecken», ergänzte sie. Wie sie von Gott ihren Auftrag erhalten hat, wollte sie mir jedoch nicht anvertrauen.
Täglich in alle Nacht hinein die Menschen segnen, bis zur Erschöpfung. Ist das eine Form von religiösem Wahn? Oder ist die Frau eine Heilige? Vielleicht muss ich sie einfach mal einige Stunden lang beobachten, um mehr über sie zu erfahren. Morgens um zehn Uhr stand Schwester Frieda schon wieder im Bahnhof. Die vielen, an den Rollstuhl gehängten Plastiktaschen schützten nur kärglich vor dem kalten Luftzug.
Spontan beschloss ich, statt bloss zu beobachten, selber die Leute zu segnen. So würde ich sie vielleicht besser erfassen können. Aber was heisst das, segnen? Ich stand da und versuchte, jedem Passanten mit derselben Offenheit, demselben Wohlwollen zu begegnen, dem Kind ebenso wie dem potenziellen Verbrecher. Eine Stunde, zwei Stunden - spannend. 15 Stunden aber blieb ich nicht wie sie.
Schwester Frieda war mir mit ihrem Rollstuhl näher gekommen. Fast jeder Passant schaute sich nach der gebückten Frau mit dunkelrotem Kopftuch um. Plötzlich taumelte sie. Kurz entschlossen legte ich ihr einen Arm um die Schultern. Sie habe in der Nacht kaum geschlafen, sagte sie und lächelte, als sie mich wieder erkannte. «Wollen Sie sich nicht in den Rollstuhl setzen und sich etwas ausruhen? Ich könnte eine Weile für Sie segnen», schlug ich vor. Sie blieb stehen, und wir blickten schweigend den Passanten nach. Nach einer Weile sagte sie: «Segnen, das heisst, den Menschen Gutes wünschen.»
Ich habe den Eindruck, Schwester Frieda ist müde. Vielleicht ist es Zeit, dass wir ihr beim Segnen beistehen: an der Tramhaltestelle, vor dem Kino, im Flughafen - Gelegenheit dazu haben wir überall.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Schöner Artikel. Hat mich sehr gefreunt ihn Lesen zu dürfen.