Mittwoch, 10. Dezember 2008

"Logik" der Selbstzerstörung

Logik der Selbstzerstörung

Tages-Anzeiger
; 2002-01-30; Seite 53 Kultur

Die unerbittliche Logik der Selbstzerstörung

Attentäter, die ihr Leben opfern, unterlaufen das kapitalistische Tauschsystem. Darin sieht der Soziologe Jean Baudrillard die Herausforderung des Terrorismus.

Von Guido Kalberer


In "Le Monde" publizierte Jean Baudrillard Ende letzten Jahres einen Artikel mit der Überschrift "L'esprit du terrorisme". Er macht darin die USA mitverantwortlich für die terroristischen Anschläge des 11. September: "Denn sie selbst haben durch ihre unerträgliche Übermacht nicht nur diese ganze Gewalt geschürt, von der die Welt erfüllt ist, sondern auch - ohne das selbst zu wissen - die terroristische Fantasie, die in uns allen ist." Der Sturz der Twin Towers bedeute den Anfang vom Ende des Abendlandes: "Es ist von äusserster (und unerbittlicher) Logik, dass es den Willen zur Zerstörung anstacheln muss, wenn eine Macht immer mächtiger wird. Und diese Macht ist mitschuldig an ihrer eigenen Zerstörung." Mit diesen provokanten Thesen ist der 72-jährige Vordenker der Postmoderne nun auf Deutschlandtournee. Am Wochenende hielt er in München ein "Requiem für die Twin Towers".

Symbolische Handlungen

Aus postmoderner Sicht bekommen die Ereignisse des 11. September ihre tiefere Bedeutung erst dann, wenn sie als symbolische und nicht bloss als reale Handlungen verstanden werden. "Wirklichkeit und Fiktion sind nicht auseinander zu halten, und die Faszination des Attentates ist in erster Linie eine Faszination des Bildes." Für den Soziologen gibt es keinen Zugang zur Realität, der nicht über das Bild vermittelt ist. "Am Anfang war das Bild, und erst dann kam der Schauder des Realen." Bis zu diesem Punkt ist Baudrillards Analyse des 11. September weder sonderlich originell noch überzeugend: Das Sprechen über die Macht der Virtualität ist alltägliches Gerede und die Schuldzuschreibung an die USA eine These mit beschränkter Haftung.

In der Darstellung Baudrillards - und darin liegt nun sein originärer Beitrag zur Debatte - hat das Attentat der Terroristen etwas Singuläres und Subversives zugleich. Da der Tod nicht getauscht werden kann, unterläuft die selbstmörderische Aktion die herrschende Praxis des kapitalistischen Tauschgeschäftes. Dies ist nach Baudrillard die geheime Botschaft der Terroristen. Ihr Tod ist eine Gabe, die nicht erwidert werden kann, eine symbolische Geste, gegen die das System des Tauschwertes nichts ausrichten kann. "Allein der Tod kann die politische Ökonomie beenden", schreibt Baudrillard in seinem Hauptwerk "Der symbolische Tausch und der Tod". Weil die arabischen Terroristen mit zu hohen Einsätzen spielen, sind sie Spielverderber des Kapitalismus. Nach westlichen Wertvorstellungen "gehört es sich nicht, dass man sein eigenes Leben aufs Spiel setzt".

Heimliche Eifersucht

Jean
Baudrillard, der sich selbst einmal als "Terrorist der Theorie" bezeichnete, sieht in der freiwilligen Auslöschung des Lebens einen Angriff auf den Wertekanon des Westens. Unsere gottlose Kultur, die alles unternimmt, um das individuelle Leben zu verlängern, kann eine Kultur, die bereit ist, für den Glauben zu sterben, weder verstehen noch akzeptieren. Nach Baudrillard ist die westliche Kultur insgeheim eifersüchtig auf den Islam, für den die Menschen zu sterben bereit sind. Ein solcher Glaube ist ein Einwand, den es zu entkräften gilt.

Wenn Jean Baudrillard sagt, das Reale kümmere ihn nicht, dann meint er damit das Offensichtliche, das Manifeste. Was ihn interessiert, ist das Latente - das Wissen, das noch vor- oder unbewusst ist. Auf diesem Gebiet zeigt der philosophisch geschulte Soziologe ein feines Gespür für all das, was wir bisher nicht zu wissen wagten. Schon früh hat Baudrillard über die terroristische Herausforderung geschrieben, der die Gesellschaft nicht entgehen kann. Da seine Sprache in selbst geschöpften Metaphern schillert, ist es jedoch nicht immer einfach, Argumentation von Spekulation zu unterscheiden. Dies ist ganz im Sinne des Autors, dessen Theorie der Verführung auch eine Verführung durch die Theorie ist. Manche seiner Sprachspiele sind zu gut, um wahr zu sein. Oder in den Worten des konsequenten Provokateurs: "Die Wahrheit kompliziert die Dinge nur."

Jean Baudrillard wird am 14. April im Zürcher Schiffbau einen Vortrag halten.

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Tages-Anzeiger; 2002-04-17; Seite 61

Kultur

Macht als Komplizin ihrer Zerstörung

Am Sonntag sprach der französische Soziologe Jean Baudrillard in der ausverkauften Zürcher Schiffbau-Halle über die symbolhafte Architektur der Twin Towers. Wir drucken seine Rede in gekürzter Form ab.

Von Jean Baudrillard


Die Attentate des 11. September betrafen vor allem die Twin Towers als Symbole der neuen globalen Weltmacht. Die Anschläge haben durch deren Zerstörung ein ganzes System westlicher Werte und eine Weltordnung getroffen. Es liegt daher nahe, mit einer historischen und architektonischen Analyse der Twin Towers zu beginnen, will man die symbolische Bedeutung ihrer Zerstörung verstehen. Zunächst also: warum die Twin Towers, warum zwei Türme für das World Trade Center?

Alle grossen Gebäude Manhattans waren von jeher in einem Wettstreit der Vertikalität, woraus ein architektonisches Panorama nach dem Vorbild des kapitalistischen Systems erwuchs, ein pyramidaler Dschungel, dessen berühmtes Bild sich bei der Ankunft vom Meer her nach und nach herausprofilierte. Dieses Bild aber änderte sich 1973 mit dem Bau des World Trade Center. Die architektonische Neuerung verdeutlicht nun kein konkurrenzielles System mehr, sondern ein nummerisches und kalkülhaftes, in welchem die Konkurrenz vor den Netzen und dem Monopol zurückweicht: vollkommen symmetrische Gebilde, Monolithen gleich, die sich nicht mehr nach aussen öffneten und einem künstlichen (mentalen) Airconditioning unterworfen waren. Die Tatsache, dass es zwei davon gab, bedeutete das Ende der originalen Referenz.

Hätte es nur einen gegeben, hätte sich das Monopol nicht vollständig inkarnieren können. Nur die Wiederholung des Zeichens bringt das Bezeichnete zum Schluss und zum Abschluss. In dieser Wiederholung liegt eine besondere Faszination. So hoch sie auch waren, bedeuteten die beiden Türme doch ein Anhalten der Vertikalität. Sie gehörten nicht zur gleichen Rasse wie die anderen Gebäude, sie gipfelten in einer genauen wechselseitigen Reflexion. Die Gebäude des Rockefeller Center spiegelten in ihren Glas- und Stahlfassaden noch den endlosen Spiegelcharakter der Stadt.

Die Türme dagegen hatten keine Fassade, kein Gesicht mehr. Mit der Rhetorik der Vertikalität verschwand auch die Rhetorik des Spiegels. Es blieb nur eine Art Blackbox übrig, eine auf die Zahl 2 eng geführte Serie, als ginge die Architektur nach Art des Systems nur noch als Klonung aus einem genetisch unveränderlichen Code hervor.

Anschlag aufs Gehirn

New York ist die einzige Stadt auf der Welt, die im Laufe ihrer Geschichte mit wunderbarer Treue die jeweils gültige Form des Systems mit all seinen Wandlungen und Verwandlungen nachgezeichnet hat. Man muss also davon ausgehen, dass der Zusammenbruch der Türme ein einzigartiges Ereignis in der Geschichte der modernen Stadt, eine Form des dramatischen Endes, um nicht zu sagen des Verschwindens dieser Form von Architektur wie auch des von ihr inkarnierten Weltsystems präfiguriert. In ihrer rein informationellen, errechenbaren und nummerischen Modellierung waren sie in gewisser Weise deren Hirn. Und die Terroristen haben mit ihrem Anschlag das Gehirn, das neuralgische Zentrum des Systems, getroffen. Die Gewalt des Globalen vermittelt sich über die Architektur; mithin vollzieht sich die gewaltsame Ablehnung dieser Globalisierung auch durch Zerstörung der Architektur.

Architektonische Monster wie das Centre Beaubourg in Paris haben auch - wie die extremen Formen der modernen Technologie im Allgemeinen - immer eine zweideutige Faszination mit sich gebracht. Ein widersprüchliches Gefühl von Anziehung und Abstossung und eine geheime Lust, sie wieder verschwinden zu sehen. Im Fall der Twin Towers kommt noch etwas Besonderes hinzu - eben ihre Symmetrie und Zwillingshaftigkeit. In dieser Klonung und vollkommenen Symmetrie liegt sicherlich eine ästhetische Qualität, aber auch eine Art perfektes Verbrechen gegen die Form, eine Tautologie der Form, die in einem gewaltsamen Rückschlag dazu verleiten kann, diese Symmetrie zu zerbrechen, eine Asymmetrie und mithin eine neue Singularität hervorzubringen. Selbst ihre Zerstörung hat die Symmetrie der Türme berücksichtigt: eine zweifache Aggression in wenigen Minuten Zeitabstand zwischen den beiden Einschlägen. Nach dem ersten Crash konnte man noch an einen Unfall glauben, erst der zweite machte klar, dass es sich um einen Terroranschlag handelte.

Bei dem Flugzeugabsturz von Queens etwa einen Monat später haben die Fernsehanstalten gewartet, vier Stunden lang sind sie auf Aufnahme geblieben, in der Hoffnung auf einen zweiten Absturz, den sie direkt übertragen wollten. Da dieser nicht stattfand, wird man nie wissen, ob es ein Unfall oder ein Attentat war.

Körperliche und symbolische Präsenz

Der Zusammenbruch der Türme ist ein symbolisches Ereignis höherer Ordnung. Stellen Sie sich vor, sie wären nicht zusammengebrochen oder es wäre nur einer eingestürzt - die Wirkung wäre längst nicht die gleiche gewesen. Der schlagende Beweis der Fragilität der Weltmacht wäre nicht der gleiche gewesen. Die Türme als Wahrzeichen dieser Macht inkarnierten sie noch in ihrem dramatischen Ende, das einem Selbstmord glich. Indem sie scheinbar von sich heraus wie durch Implosion einstürzten, gewann man den Eindruck, dass sie sich umbrachten als Antwort auf den Selbstmord der Flugzeuge.

Sind die Twin Towers zerstört worden, oder sind sie in sich zusammengestürzt? Ich meine: Die beiden Türme sind gleichzeitig ein physischer und ein symbolischer Gegenstand. Der architektonische Gegenstand wurde zerstört, aber man zielte natürlich auf den symbolischen. Diesem galt die Zerstörungsabsicht. Scheinbar hat die physische Zerstörung die symbolische nach sich gezogen. Tatsächlich aber hat niemand, nicht einmal die Terroristen selber, die totale Zerstörung der Türme geplant. Der symbolische Zusammenbruch hat mithin den physischen nach sich gezogen - und nicht umgekehrt. Als hätte die Macht, die diese beiden Türme trug, jegliche Energie verloren, als habe diese arrogante Potenz plötzlich unter der Wirkung eines zu starken Drucks nachgegeben - jenem nämlich, immer das einzige Modell der Welt sein zu wollen. So sind die Türme, plötzlich zu müde geworden, immer dieses überschwere Symbol sein zu müssen, in ihrer ganzen körperlichen Totalität zusammengesackt. Ihre Nerven sind gerissen, kraftlos sind sie in ihrer Vertikalität zusammengesunken vor den ungläubigen Blicken der ganzen Welt.

Der symbolische Zusammenbruch geschah in einer Art unvorhersehbarer Komplizenschaft, als habe sich das gesamte System dank innerer Schwäche in das Spiel seiner eigenen Vernichtung und mithin des Terrorismus begeben. Logischer- und unvermeidlicherweise verstärkt der Aufstieg der Macht den Wunsch, sie zu zerstören. Aber es geht noch um mehr, die Macht erweist sich als Komplizin ihrer eigenen Zerstörung. Die unzähligen Katastrophenfilme zeugen von diesem Fantasma, das sie im Bild und durch Spezial-effekte beschwören. Die von ihnen ausgehende Faszination ist der Hinweis auf ein drohend-bevorstehendes Ausagieren: die Verleugnung jenes Systems, einschliesslich der innern Verleugnung, die umso stärker ist, als dieses sich der Vollkommenheit und der Allmacht nähert.

Man hat gesagt, Gott kann sich nicht selbst den Krieg erklären. Aber doch: Der Westen in seiner gottgleichen Position, in seiner göttlichen Allmacht und absoluten moralischen Legitimität bringt sich um und erklärt sich selbst den Krieg.

Die Frage, was man an der Stelle der Türme errichten soll, ist unentscheidbar. Ganz einfach, weil man sich nichts Gleichwertiges vorstellen kann, das gleichermassen der Mühe lohnte, zerstört zu werden, das der Zerstörung würdig wäre. Die Twin Towers lohnten die Mühe, zerstört zu werden. Das lässt sich nicht von vielen architektonischen Werken sagen. Die meisten Dinge lohnen sich nicht, zerstört oder geopfert zu werden. Nur die namhaften Werke sind dessen würdig, da die Zerstörung eine Art Ehre ist.

Diese Aussage ist nicht so paradox, wie sie klingt, und stellt der Architektur eine grundlegende Frage: Darf man nur bauen, was dank seines herausragenden Charakter auch wert wäre, zerstört zu werden? Wenn Sie sich entsprechend dieser radikalen Infragestellung umsehen, werden Sie sehen, was es damit auf sich hat. Nicht viel hielte dieser extremen Hypothese stand.

Wie dem auch sei: Die Türme selbst sind verschwunden. Sie haben uns aber das Symbol ihres Verschwindens, ihr Verschwinden als Symbol hinterlassen. Von einem Symbol der Weltmacht, als welche sie galten, sind sie durch ihren Krach das Symbol des möglichen, des virtuellen Absturzes dieser Weltmacht geworden.

Was später aus dieser Weltmacht auch werden wird - sie wird einmal hier in diesem Moment niedergeschlagen worden sein. Schon Beaubourg war im Voraus zum Bersten oder Zusammenstürzen verdammt, wenn nicht in der Tat, so doch in der Fantasie. Das war sein Verhängnis, das über ihn verhängt war, wie über jedes ausserordentliche Werk und jedes Wesen - ganz nach der symbolischen Regel, dass der Spieler nie grösser als das Spiel selbst sein darf.

So sind die Türme zwar weggegangen, sind aber nicht dadurch zunichte gemacht worden. Obwohl auseinander geplatzt, haben sie uns das scharfe Gedächtnis ihrer Präsenz gelassen. Alle, die mit ihnen vertraut waren, können nicht umhin, sich die beiden Türme in der Skyline einzubilden von allen Punkten der Stadt aus. Ihre Absenz im materiellen Raum bringt sie hinüber in eine endgültige Fantasiewelt. Durch den terroristischen Akt sind sie zum schönsten Weltgebäude geworden. Zur schönsten unsichtbaren Architektur, zum 8. Weltwunder vielleicht.

Was sie allerdings nicht waren, als sie aufrecht standen. Diese Absenz aber, als echtes Gedächtnis und echtes unsichtbares Symbol, wird abgeschafft werden. Sie muss abgeschafft werden, als unheimliches Denkmal eines ausserordentlichen Ereignisses, eines einzigartigen Augenblicks des symbolischen Austauschs, ja des Todes - etwas Unerträgliches also, das gelöst und aufgehoben werden muss durch irgendeinen Wiederaufbau, der als hoffnungslose Beschwörung dieser Absenz wirken soll.

Alles ist im ersten Augenblick da, im Zusammenstoss der Extreme unmittelbar verbunden. Wenn man diesen Moment der Bestürzung, der zweifellos unmoralischen Bewunderung, diese Faszination, in der sich durch die Unmoral des Bildes die verblüffende Ahnung des Ereignisses verdichtet - wenn man diesen Moment ablehnt, vergibt man jede Chance, jede Möglichkeit des Verstehens. Wenn der erste Gedanke lautet, das ist monströs, das ist unannehmbar, dann verliert sich die ganze Wucht, die Intensität des Ereignisses in politischen und moralischen Betrachtungen. Alle diese Diskurse entfernen uns unwiderruflich von diesem Ereignis, dem wir nie nahe kommen können nachher.

Ein singuläres Ereignis fordert also eine singuläre unwiderrufliche Reaktion, eine Reaktion, die die potenzielle Energie des Ereignisses nutzt, denn alles, was daraus folgt, der Krieg eingeschlossen, ist nur eine Form von Verflüchtigung und Verschiebung. Daher ist es so schwer, das Ereignis immer wieder zu kommentieren, was ich allerdings hier tue.

Das ist ein bisschen so, wie die Terroristen aufzufordern, ihre Tat in Zeitlupe und mit Gebrauchsanweisung zu wiederholen. Zuerst ist das Ereignis da. Jeder versucht, ihm einen Sinn zu unterstellen, eine Erklärung zu finden, und sei es die subtilste und die wohlwollendste, seine Gründe und Konsequenzen darzulegen oder es in irgend eine Strategie zu fügen - das alles läuft auf die Behauptung hinaus, es sei gar kein Ereignis, indem es für alles objektive Vorstellungen gibt.

Ereignis als Urszene

Unzertrennlich vom Ereignis sind die Bilder. Als die Ereignisse von New York die Weltlage radikalisierten, haben sie zugleich die Beziehung zwischen Bild und Wirklichkeit radikalisiert. Von all diesen Vorgängen behalten wir vor allem das Erlebnis der Bilder. Sie sind jetzt, ob wir es wollen oder nicht, unsere Urszene. Und neben anderen Umwegen ist es den Terroristen gelungen, die sofortige weltweite Verbreitung der Bilder - wie die Börsenspekulation, die Informationstechnologie, die Luftfahrt - für ihre Zwecke zu nutzen.

Lange Zeit hatten wir nur mit einer Flut banaler Bilder und bedeutungsloser Ereignisse zu tun (weltweit die Pseudoereignisse wie Dianas Tod oder die Fussballweltmeisterschaft). Der Terrorakt von New York dagegen beschwört gleichzeitig Bild und Ereignis herauf. Im Allgemeinen ist die Rolle des Bildes zwiespältig. Es erhöht das Ereignis und nimmt es gleichzeitig als Geisel. Es bringt das Ereignis zum Abschluss in dem Sinn, dass es dieses absorbiert und konsumierbar macht. Es verleiht ihm eine nie da gewesene Wucht, neutralisiert es aber auch.

Im Fall des World Trade Center dagegen findet eine Wechselsteigerung des Ereignisses und des Bildes statt. Das Bild selbst wird ereignishaft, es wird als Bild zum Ereignis. Auf einmal ist es weder virtuell noch real, sondern Ereignis. In einem so aussergewöhnlichen Ereignis findet sich auch eine Wechselsteigerung von Wirklichkeit und Fiktion. Kein Verlust an Realem, sondern im Gegenteil ein Mehr an Realem, verbunden mit einem Mehr an Fiktion. Wir haben es hier mit einer totalen symbolischen Tatsache zu tun.

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