Samstag, 19. Dezember 2009

Was die drei Weisen nach der Krippe erlebten

Schöne Geschichte / Predigt von Pfr. Jürgen Grotte

Der Weg der drei Weisen hinterher

Der 6. Januar ist der Tag der heiligen drei Könige, bzw. der drei Weisen aus dem Morgenland. Wobei das eigentlich gar nicht so einfach ist. Denn diese drei Personen sind wahrscheinlich eine literarische Erfindung vom Evangelisten Matthäus, der mit dieser Geschichte erzählen wollte, dass Jesus ein König für alle Völker sein will. Und ich denke, Matthäus hat nicht nur theologisch recht mit dieser Aussage, sondern er hat diese Glaubensaussage des christlichen Glaubens auch in eine sehr schöne Geschichte verpackt. Leider erzählt Matthäus gar nichts darüber, wie das denn weitergegangen sein muss mit diesen drei Männern, deren Herkunft wir nicht kennen, deren Namen wir zumindest aus der Bibel nicht kennen. Und so möchte ich einmal versuchen, die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland weiterzuschreiben. Und was die Namen angeht, so halte ich mich an die Legenden, die ihnen die Namen Kaspar, Melchor und Balthasar gegeben haben.

Nachdem die drei Weisen das Kind gesehen und ihre Geschenke vor ihm niedergelegt hatten, wollten sie nun zunächst einmal ausruhen, etwas essen und schlafen, um dann doch bald wieder die Rückreise anzutreten. Denn ihr Heimweg wird wieder lang werden, zumal wenn sie noch über Jerusalem gehen mussten, um Herodes die Nachricht vom Kind zu bringen. Joseph, hatte inzwischen längst versucht noch irgendwo einen Raum für die drei Herrn und ihren Anhang zu bekommen, doch wie auch bei ihnen so gab es auch für diese drei keinen Raum im Bethlehem. So mussten auch diese Herren mit im Stall unterkommen, der Raum genug bot, selbst wenn es nun ein wenig eng wurde. Doch irgendwie haben sich alle einrichten können, und auch Maria und ihr Kind konnten nun, nach diesen Tagen endlich zur Ruhe kommen.

Am nächsten Morgen bestiegen die Weisen ihre Kamele und zogen unter dem Segen Josephs ihrer Wege. Schweigsam zunächst, denn jeder war noch ganz mit sich selber beschäftigt gewesen. Vieles ist passiert auf diesem langen Weg, der so erwartungsreich gewesen ist, und der dann so überraschend und nun auch noch in Furcht enden sollte. Sie hatten einen großen König vermutet, einen Palast, in dem in angemessener Umgebung der zukünftige Herrscher seine ersten Lebenstage erlebt. Der Stern über Bethlehem aber wies in einen armen, elenden Stall, in dem sie selber, die doch sehr viel Besseres gewohnt waren, mit übernachten mussten. Was ist das für ein König, der im Dreck, auf Heu und Stroh das Licht der Welt erblicken musste? Das passt doch nicht, so einer kann doch eigentlich kein großer Herrscher sein. Sollten sie sich womöglich geirrt haben, sollten sie vielleicht gar zum Falschen gekommen sein, ohne es zu merken? Der Stern, ihr großes Himmelszeichen war weg. Sie mussten also am rechten Ort gewesen sein.

Und doch bleibt es unbegreiflich, dass Armut und Niedrigkeit der Königsort sein soll. Wie sollte man das den Menschen zu Hause erklären, wie konnte man es ihnen deutlich machen. Ja und dann dieser Traum heute Nacht, dieser Traum mit der Stimme, dass sie nicht zurück nach Jerusalem gehen sollen, sondern auf direktem Wege nach Hause ziehen sollen. Was hat das nur zu bedeuten? Und wer war diese Stimme? Habe ich sie nur allein gehört, war es nur ein Gedanke im Traum, ohne Bedeutung?

Mit diesen Fragen zogen die drei zunächst schweigend dahin. Jeder brauchte erst einmal Zeit diese Fragen für sich zu bedenken, jeder brauchte Ruhe, um seine Gedanken für sich zu ordnen. Bis sie dann an eine Weggabelung kamen, an der sie sich entscheiden mussten, wohin es nun gehen soll. Sie blieben stehen. Zunächst wieder schweigend, keiner wollte den Anfang machen. Bis Kaspar dann das erlösende erste Wort sprach: Kommt, lasst uns nicht nach Jerusalem gehen, wir wollen gleich zurück nach Hause ziehen. Melchor und Balthasar schauten sich an. Wie kommst du darauf? Wir hatten doch versprochen nach Jerusalem zu Herodes zu gehen, um ihm alles zu berichten. Oder hast du etwa auch diese Stimme heute Nacht gehört? fragte dann Melchor. Ja, ich habe sie gehört, deutlich und klar. Geht nicht zu Herodes, geht einen anderen Weg nach Hause. Und auch Balthasar bestätigte ihnen, dass auch er diese Worte vernommen hat. Einbildung also war es nicht, und auch nicht nur der Traum eines einzelnen. Wir haben zu dritt unseren Weg an einem unbekannten Stern ausgerichtet, als lasst uns auch diesen Worten folgen, auch wenn wir sie noch nicht verstehen, auch wenn wir nicht wissen, warum sie zu uns gesprochen wurden, sagte Melchor sehr bestimmt. Wer weiß, warum wir Herodes im Dunkeln lassen sollen. Uns schadet es nicht, wer weiß, wem es hilft.

Erleichtert stimmten die anderen beiden zu, denn keiner von ihnen hätte ruhigen Gewissens nach Jerusalem gehen können. Und so zogen die drei weiter, bis sie am Abend eine Herberge fanden in der sie ausruhen konnten.

Hier nun erfuhren sie die schrecklichen Nachrichten, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten. In Bethlehem soll es ein großes Morden geben. Die Soldaten des Herodes sind gekommen, um alle Kinder bis zu zwei Jahren zu ermorden. Es heißt, Herodes will einen zukünftigen König, der in Bethlehem geboren sei, umbringen. Viele konnten fliehen, aber viele müssen nun auch um ihre Kinder trauern.

Betroffen waren alle, die davon hörten. Besonders aber die drei Weisen, die noch vor kurzem zusammen mit einem Kind eine Nacht verbracht hatten. Ob es entkommen konnte, ob es noch lebt, oder ob es auch unter den Toten ist? Muss Maria nun um ihr Kind weinen, das sie unter so viel Mühen geboren hat? Eine Antwort bleib aus, nur die Hoffnung war da, dass dieses Kind seinen Weg machen wird. Warum sonst die Stimme im Traum, warum dieser Weg, weg von Jerusalem? Eigenartig, was den Weg dieses Königs begleitet.

Angesichts der schrecklichen Nachrichten wollten die drei nicht mehr lange beieinander sitzen, früh gingen sie schlafen, jeder beschäftigt mit seinen eigenen Gedanken.

Als sie dann die nächsten Tage weiter auf dem Weg waren, da erst öffneten sie die Gedanken füreinander, denn alleine konnte keiner für sich Klarheit empfangen. Ob sie es gemeinsam konnten, keiner wusste es, aber sie wollten es probieren. Was kann das für ein König sein, dessen Leben so beginnt? Was wird das für ein König sein, der solche Erfahrungen macht, Elend, Verfolgung, Angst und Tod? so fragte Melchor und brach als erster das Schweigen um Jesus. Das habe ich mich auch schon lange gefragt, antwortet Balthasar. Solch einen König habe ich noch nie erlebt. Da ist überhaupt nichts königliches, überhaupt nichts herrschaftliches in diesem Kind. Natürlich kann man das jetzt nicht so sehen, aber die Umstände, dieses bedrohte Leben, diese Einfachheit der Herkunft. Wisst ihr, ich glaube manchmal, wir sind einer Illusion nachgelaufen. Das kann doch nicht sein, dass dies ein König ist. Der Stern, er hat uns auf den falschen Weg gebracht, er hat uns diesmal keinen König gezeigt. So geht es mir ganz oft durch den Kopf. Aber gleichzeitig geht etwas aus von diesem Stall, von dieser Wärme dort, die inmitten aller Armseligkeit ein Stück Himmelswärme zeigt.

Ja das habe ich gespürt, da könnt ihr denken, was ihr wollt. Kaspar gibt ihm recht: Ja, ich habe diese Wärme auch gespürt und ich spüre sie noch immer. Dieses Kind ist etwas Besonderes, ein Mensch, der anders leben wird als viele andere. Es ist ein Kind des Himmels. Als Kind von Maria und Joseph ist es doch gleichzeitig ein Kind des Himmels, ein Kind des großen Gottes. Das glaube ich ganz bestimmt. Aber was für ein König er wird, wir können das jetzt nicht sagen, ich kann nicht mehr weitergeben als diesen Eindruck, der himmlischen Wärme, die in diesem Kind aufleuchtet.

Aber das muss doch Auswirkungen haben auf das Leben als Herrscher, wenn ich so elend und verfolgt leben muss. Das kann doch nicht spurlos an mir vorüber gehen. Wird er ein Kämpfer gegen die Herrschenden, der ihnen heimzahlt, was er erlitten hat, oder was wird aus ihm werden? Was können wir zu Hause weitererzählen von dem Kind, was können wir anderen davon weitergeben? fragt Melchor.

Was er wird, das wissen wir nicht, vielleicht werden wir es nie erfahren. Aber was er ist, was er für mich ist, das weiß ich schon, das will ich auch weitergeben, sagt Kaspar. Er hat die Kraft und die Ausstrahlung, die Menschen anzieht, die ihn zu sich kommen lässt, die die Menschen zu sich selber kommen lässt. Hier ist kein Herrscher geboren, der nur sich selber sieht und seine Macht, der nur aus dem Elend in die Herrschaft kommen will. Nein, dieses Kind wird anders werden. Und das ist nicht nur eine schöne Hoffnung von mir, das spüre ich. Darin bin ich gewiss, tief im Innern, auch wenn ich es mit Worten nicht erklären kann. Hier kommt ein ganz anderer Herrscher auf uns zu. Und ich bin gewiss er lebt, er wird herrschen, wann und wie auch immer.

Mit solcher fragenden Gewissheit zogen die drei weiter, immer noch unsicher was wirklich sein wird, und doch sicher genug, dass es etwas Wichtiges, etwas Bedeutsames und vor allem etwas Gutes sein wird. Und sie zogen ihre Wege, irgendwann getrennt, jedoch mit dem Versprechen sich nicht aus den Augen zu verlieren.

Es dauerte viele Jahre und sie waren schon sehr ergraut, bis Menschen zu ihnen kamen, die ihnen von einem gewissen Jesus erzählten. An einem Abend, als sie wieder einmal eines ihrer regelmäßigen Treffen hatten, luden sie diese Leute aus ihrer Stadt ein. Gemeinsam wollten sie hören, was diese Leute zu erzählen hatten von dem Menschen, der den gleichen Namen trug, wie das Kind vor vielen Jahren im Stall. Sie hörten von dem Lebensweg dieses Mannes: der da umhervagabundierte, der von Gottes Herrschaft in der Welt und in seiner Person erzählte, sie hörten von guten Taten, von den guten Worten dieses Jesus. Sie hörten von seiner Zuwendung zu den Menschen, vor allem den Armen. Und sie hörten von seinem Ende, von seinem Tod am römischen Marterpfahl, dem Kreuz. Und es wurde ihnen erzählt von dem unsagbaren Ereignis, das diese Leute Auferstehung nannten. Dieser Jesus soll leben, dieser Jesus wird als der Christus, der gesalbte König Gottes verstanden, als der Retter der Welt.

Armut und Elend, so hat alles angefangen. So erzählen nun die drei Weisen von ihren Erlebnissen. Armut und Elend hat diesen Menschen begleitet, genauso wie die Herrlichkeit und Wärme des Anfanges. Die Ausstrahlung ist geblieben, die Wärme Gottes war zu spüren, auch in den Erzählungen derer, die an Jesus als den Christus glaubten. Ja selbst als sie vom Kreuz erzählten, von diesem Tod, weil die Führer seine Worte nicht ertragen haben. Es war wie am Anfang, als Herodes dieses Kind ermorden wollte.

Wir haben es gewusst, dieser Mensch ist etwas besonderes, er hat Macht und Herrschaft weitergegeben, aber nicht als strahlender König, nicht als leuchtende Figur der staatlichen Macht. Dieser Mensch war ein Herrscher über die Macht der Mächtigen, ein Mensch für die Menschen. Das ist sein Königtum. So sah sein Weg aus, angesichts der Erfahrungen des Anfanges. Dieser Jesus wusste, wohin er gehört, er wusste wohin Gott gehört, und wo wirklich königliche, wo wirklich menschliche Herrschaft sichtbar werden soll. Wir haben wir viel darüber nachgedacht, wie es werden könnte mit dem Kind, das ein König sein sollte. Wir hätten es uns nicht ausmalen können. Aber so wie ihr es erzählt, wird uns lebendig, was das für ein Herrscher ist, der da in die Welt gekommen ist. Einer der vor allem denen Freude macht, die sonst kaum einen Grund zur Freude haben. Er macht stark, die sonst nur Schwäche erleben, er macht reich, die sonst nur Armut erleben. Ja, das ist ein König, nicht aus der Welt, aber für die Welt, aus dem Himmel, für eine himmlische Welt.

Wir haben ihn am Anfang gesehen und lebten mit vielen Fragen, so erzählten die drei Weisen, jetzt am Ende empfangen wir Antworten, jetzt wissen wir, was für einen König wir haben begrüßen dürfen. Dankbar saßen sie dann noch zusammen, redeten und feierten, und waren erfüllt von der Wärme des Himmels. Amen

Anmerkung:

Zitat aus einer anderen Predigt:


Mir kam beim Lesen dieser knappen Erzählung die Frage: Um was für eine Suche handelte es sich eigentlich bei den drei Weisen? War es eine Suche, bei der man das Gesuchte schon kennt und sich lediglich bemüht, dieses besser kennen- und verstehen zu lernen? Oder war es eine Suche bei der man zunächst gar nicht so recht weiß, wonach man eigentlich sucht?

Konkret am Beispiel: Wussten die drei Weisen beim Anblick des neuen Sterns, dass es sich um den in Judäa geborenen neuen Herrn der Welt handelt, den sie deshalb kennenlernen und verehren wollten? Oder wurden die drei beim Anblick des neuen Sterns lediglich von Unruhe und Neugier erfasst, von der getrieben sie so lange umherzogen bis sie Jesus fanden? Vielleicht waren Sie ja vor Herodes schon in anderen Ländern, an anderen Königshöfen und haben diese alle verlassen weil sie merkten "Nein, hier finden den Gesuchten nicht"

Diese beiden Suchtypologien können auch heute als paradigmatisch gelten für suchende Menschen.

Typ 1 umfasst (hoffentlich) auch viele Christen, die sich von religiösen Fragen oder Bibelversen existenziell anrühren lassen und versuchen, sich ihre Bedeutung anzueignen.

Bei mir ist es ähnlich mit dem Vers Hebr. 11,1: Glauben heißt Überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht. Für Luther war es die Frage "Wie finde ich einen gnädigen Gott", für Nietzsche und Mahatma Ghandi das Bergpredigt-Gebot der Feindesliebe usw. Mir scheint: Bei jedem, der an den Haken solcher Texte oder Verse gerät entwickelt sich eine machtvolle Dynamik, wobei man trotz alledem alt werden kann, ohne sie je zu verstehen. Auf jeden Fall aber kann man mit ihnen leben, an ihnen wachsen und ihre Bedeutung immer neu, anders und tiefer erfassen.

Mir scheint aber, dass Typ 2 des suchenden Menschen heutzutage verbreiteter ist, also jene, die von einer Unruhe angetrieben werden, ohne dass sie wissen, woher sie kommt und was diese Unruhe befriedigen kann.

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