Donnerstag, 19. Januar 2012

theodizee

Immer wieder stosse ich in der Seelsorge auf die Frage: Warum?

Aus dem Interview mit Adolf Ogi im Migros-Magazin Nr. 3, 16. Januar 2012, Seite 41:


Sie sind ein gläubiger Mensch. Hat der Tod Ihres Sohnes Mathias 2009 das geändert?
Ich hatte immer viel Glück im Leben. Aber ich habe meinen Sohn verloren, ich kann das bis heute nicht begreifen. Ich bin fragend, suchend und nicht-findend. Warum musste Mathias vor seinen Eltern sterben? Der Tod meines Sohnes ist der Grund, dass ich mit dem lieben Gott, zu dem ich immer so viel gebetet habe, im Moment ein Problem habe.
Beten Sie heute nicht mehr?
Ich bete nach wie vor, vielleicht sogar intensiver als vorher.
Was hilft Ihnen dabei loszulassen?
Ein Kind zu verlieren ist die fundamentalste Erschütterung, die einem Vater oder einer Mutter widerfahren kann. Da kommt man nicht darüber hinweg. Es ist wie ein schlechter Traum. Mathias liegt in Kandersteg im Familiengrab. Wenn ich hier bin, gehe ich fast jeden Tag hin. Er wollte, dass wir fröhlich weiterleben.
Das fällt Ihnen schwer.
Ich kann den Verlust im Moment nicht akzeptieren. Meiner Frau fällt er noch schwerer. Mathias’ Freunde haben einen Verein gegründet und ihn «Freude herrscht» genannt. Mich haben sie zum Präsidenten ernannt. Wir möchten Kindern das weitergeben, was Mathias immer lebte: Bewegung, Leistungsfähigkeit, Durchhaltewillen, Hilfsbereitschaft, Lebensfreude und Kameradschaft. Mitte Jahr werde ich 70 und von vielen meiner zahlreichen Funktionen zurücktreten, aber «Freude herrscht» liegt mir am Herzen. Da werde ich weitermachen.
Hilft es Ihnen, über das Thema zu reden?
Manchmal ist es eine Befreiung, darüber zu reden. Wir erhalten viele Reaktionen von anderen Eltern, die dasselbe Schicksal erlitten haben. Das gibt uns Solidarität, Kraft und Halt.

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