Montag, 27. Februar 2012

Freiwilligenarbeit

Aus der Sonntagszeitung


Aus der aktuellen Ausgabe

WARUM SIE FREIWILLIGENARBEIT ABLEHNEN SOLLTEN

Klarer denken mit Rolf Dobelli: Volunteers Folly
Jacques, ein Fotograf, ist von Montag bis Freitag auf Trab. Im Auftrag von Modezeitschriften pendelt er zwischen Mailand, Paris und New York - pausenlos auf der Suche nach den schönsten Mädchen, den eigenwilligsten Kreationen, dem perfekten Licht. Man kennt ihn in der Szene, und die Kasse stimmt - er nimmt gut und gerne 500 Franken die Stunde. «So viel wie ein Wirtschaftsanwalt», prahlt er bei seinen Kumpels. «Und was ich vor die Linse kriege, sieht um einiges besser aus als ein Banker.»
Jacques führt ein beneidenswertes Leben, und doch ist er in letzter Zeit nachdenklicher geworden. Es scheint, als hätte sich etwas zwischen ihn und die Modewelt geschoben. Die Selbstsucht der Branche widert ihn an. Manchmal liegt er im Bett, blickt zur Zimmerdecke und sehnt sich nach sinnvoller Arbeit. Er möchte mal wieder selbstlos sein, etwas zur «Verbesserung der Welt» beitragen, und sei es noch so klein.
Eines Tages klingelt sein Handy. Es ist Patrick, sein ehemaliger Schulfreund und heutiger Präsident des lokalen Vogelschutzvereins: «Am kommenden Samstag haben wir unseren alljährlichen Vogelhäuschentag. Wir suchen Volontäre, die uns helfen, spezielle Häuschen für besonders bedrohte Arten zu zimmern. Die stellen wir dann im Wald auf. Zeit? Wir treffen uns um 8 Uhr morgens. Kurz nach Mittag sollten wir durch sein.»
Was soll Jacques antworten, wenn es ihm wirklich ernst ist mit der «Verbesserung der Welt»? Richtig, er sollte die Anfrage ablehnen: Jacques verdient 500 Franken die Stunde, ein Schreiner 50 Franken. Also wäre es vernünftig, eine zusätzliche Stunde als Fotograf zu arbeiten und einen Profischreiner anzuheuern, der sechs Stunden lang in einer für Jacques unerreichbaren Qualität Vogelhäuschen zimmert. Die Differenz von 200 Franken könnte er dem Vogelverein spenden (lassen wir die Steuern mal aussen vor). Damit würde er weit mehr zur «Verbesserung der Welt» beitragen, als wenn er selbst Hand anlegt.
Trotzdem ist die Chance hoch, dass sich Jacques fürs Vogelhäuschenzimmern entscheidet. Ökonomen sprechen von der Volunteer's Folly - übersetzt: der Schnapsidee der Freiwilligenarbeit. Sie ist weit verbreitet: Jeder Dritte in Deutschland engagiert sich ehrenamtlich. Für die Schweiz fehlt eine Erhebung.
Es gibt aber noch ein weiteres Argument dafür, dass Jacques nicht selbst Hand anlegen sollte: Wenn er selbst Vogelhäuschen zimmert, statt einen Schreiner dafür zu bezahlen, nimmt er einem Schreiner Arbeit weg - sicher kein Beitrag zur «Verbesserung der Welt».
Damit sind wir beim heiklen Thema Altruismus. Gibt es Selbstlosigkeit überhaupt? Ist nicht jede Freiwilligenarbeit mit einem persönlichen Nutzen verbunden? Die sogenannte Freiwilligenerhebung in Deutschland zeigt: Das wichtigste Motiv der Volontäre ist eine Art demokratisches Bedürfnis nach gesellschaftlicher Mitgestaltung. Hinzu kommt der Wunsch nach sozialen Kontakten, Spass, neuen Erfahrungen. Selbstlos ist das nicht, im Gegenteil: Streng genommen ist jeder, der auch nur einen Funken Befriedigung bei der Freiwilligenarbeit empfindet, kein reiner Altruist.
Wir haben gesehen: Mehr zu arbeiten und einen Teil des Geldes zu spenden, wäre die effizienteste Hilfe, die Jacques leisten kann. Freiwilligenarbeit wäre nur dann sinnvoll, wenn er sein Fachwissen einbringen könnte. Plant der Vogelverein zum Beispiel einen Spendenbrief mit einem Foto, das nur ein Spitzenfotograf hinbekommt, dann kann Jacques entweder das Foto selber schiessen oder eine Stunde länger arbeiten und das zusätzliche Geld dem Verein spenden, der dann einen Spitzenfotografen beauftragt.
Ist Jacques also ein Dummkopf, wenn er sich zum Zimmern meldet? Nicht unbedingt. Denn es gibt eine Ausnahme zur Volunteer's Folly: wirklich prominente Persönlichkeiten. Wenn sich U2-Sänger Bono oder Schauspielerin Kate Winslet dabei ablichten lassen, wie sie Vogelhäuschen zimmern oder ölverschmutzte Strände putzen, dann verhelfen sie ihrem Anliegen zu unbezahlbarer Publizität.
Jacques muss also kritisch abwägen, ob er wirklich ein Star ist oder doch nur ein «Szeni». Dasselbe gilt für Sie und mich: Solange sich die Leute auf der Strasse nicht laufend nach Ihnen umdrehen, sollten Sie Freiwilligenarbeit ablehnen und stattdessen Geld spenden.
Publiziert am 26.02.2012
Ehrenamtlich, freiwillig, 

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