Dienstag, 5. Februar 2013

10 Gebote für die Mediengesellschaft

Von Thomas Merz ist in der Schweizerischen Kirchenzeitung folgender genialer Text erschienen:


Es war für mich etwas vom Spannendsten im Theologiestudium, die zehn Gebote nicht als moralisierende Last zu begreifen, sondern als Basis der Freiheit. Das Volk Israel erhält die zehn Gebote genau auf diesem historischen Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit.
Just an diesem Brennpunkt schenkt Gott den Menschen zehn Worte des Lebens, damit Freiheit überhaupt erst möglich wird. Denn nicht Gott braucht die zehn Gebote. Wir Menschen brauchen sie, wollen wir wirklich im «gelobten Land» leben. Echte Freiheit setzt Verantwortung in Denken und Handeln voraus.
Auch die Medienentwicklung kann durchaus als ein Weg in zunehmende Freiheit bezeichnet werden. – Wir können zwischen immer mehr verschiedenen Medien auswählen, können miteinander kommunizieren wann und wo immer wir möchten, können jederzeit überall hören, schauen, lesen wozu wir Lust haben. Und auch das Publizieren wird immer einfacher. Ein einziger Text, ein Bild, ein Wort im Internet kann Millionen von Menschen erreichen.
Genau damit wächst auch die Verantwortung – mir selbst gegenüber, andern Menschen, der Schöpfung gegenüber. Je mächtiger unsere Werkzeuge, umso wichtiger der verantwortungsvolle Umgang damit. Je weniger die persönliche Verantwortung übernommen wird, umso mehr muss die Freiheit durch starre Gesetze eingeschränkt werden. Diese Haltung liegt dem vorliegenden Versuch zugrunde, zehn Gebote für das Leben in der Mediengesellschaft zu formulieren – als Basis für sinnvolles, erfülltes, lebenswertes Leben.
I. Ich bin euer Gott, der mit euch fühlt und euch begleitet. Ich schenke euch Zuversicht in schwierigen Zeiten und gebe euch Kraft eure Herausforderungen zu bewältigen. Ich will euch herausführen aus der Unfreiheit eurer Tage, aus der Knechtschaft der Mailflut oder der Flucht in Scheinwelten, will euch hinführen zu einem reichen Leben in Fülle.
II. Denk daran: Medien sind interessant, bringen uns unzählige Möglichkeiten, Spiel und Spass, Entspannung und Ablenkung. Doch Medien sind nicht das Leben selbst, machen es weder sinnvoll, noch lebenswert und die Tiefe der Freundschaft lässt sich nicht ablesen an der Zahl der ausgetauschten SMS.
Darum nimm dir Zeit für deine Familie, deine Freundinnen und Freunde – für dich, zur Ruhe, zum Nachdenken über dein Leben, deine Pläne, Hoffnungen und Wünsche … und nimm hin und wieder die Kopfhörer aus dem Ohr und lass dich auf ein Gespräch mit Unbekannten ein.
III. Überlege dir, was du willst mit deiner Zeit. Du kannst dich treiben lassen, immer die neusten Neuigkeiten erhaschen, ganze Tage verbringen im Austausch von Oberflächlichkeiten und zappen vom Talkback zum Facebook zum Dauer-Getwitter – und du wirst doch das meiste verpassen … oder vielleicht verpasst du das Wesentliche ja gerade darum.
IV. Denkt auch an die, die Mühe haben, dem technischen Fortschritt zu folgen. Schafft Unterstützungsangebote für ältere Menschen, denkt an all die, die wenig verdienen und eröffnet auch ihnen den Zugang zu wichtigen Informationen, zu Gemeinschaft und Dienstleistungen.
Überleg dir, wem Ruhm und Ehre gebührt. Verwechsle nicht Prominenz mit Bedeutung. Gib Anerkennung all denen, die Wertvolles tun für unsere Welt und die Menschen – und nicht nur denen, die im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen. Schenk Respekt deiner Nachbarin oder deinem Arbeitskollegen, der ohne Lärm und Aufmerksamkeit der Medien sein Leben rechtschaffen lebt.
V. Du sollst nicht töten. Trag Sorge zu deinen Werten – auch bei deinem Medienkonsum. Sei dir der Unterschiede bewusst zwischen virtuellem Spiel und Ernst. Das Leben kennt keinen «Restart», Dein Handeln hat Folgen für dich und andere.
Sei dir bewusst, was deine Worte über andere auslösen können – bei Betroffenen, ihren Familien, Freundinnen und Freunden. Auch Bemerkungen, Schlagzeilen, Kommentare und Bilder können Lebensperspektiven zerstören, Menschen ins Abseits stellen, verletzen und töten. Auch Einschaltquoten rechtfertigen nie, Menschen entwürdigend zu behandeln.
Nutze die Kraft der Worte und Bilder zum Einsatz für Gerechtigkeit, für Frieden und Bewahrung der Schöpfung und suche nach Erfindungen, die nicht nur Geld bringen, sondern zum Segen werden für die Welt.
VI. Vermeide verbotene Zonen. Kinderpornografie zerstört das Leben junger Menschen. Vermeide das Verschicken von Viren und andern Schädlingen, das Eindringen in andere Computer. Beweg dich vorsichtig und kritisch in ethisch heiklen Gebieten.
Begleite Kinder auf dem Weg in die Medienwelt. Sprich mit ihnen über Chancen und Risiken, interessier dich für ihre Erfahrungen und hilf ihnen, die Eindrücke zu verarbeiten.
VII. Du sollst nicht stehlen, weder was andern gehört, noch ihre Daten – und auch nicht ihre Hoffnung und Zuversicht, wenn einseitig nur die schlechte Nachricht zählt!
Rasch sind Texte, Bilder, Programme, Spiele oder Musik kopiert. Doch jemand hat sie erschaffen, lebt vielleicht davon. Achte darauf, dass du nur kopierst, was niemandem schadet. Gib nicht als deine Gedanken an, was du von andern hast. Kopier nichts, was du nicht verstehst.
VIII. Du sollst weder falsch gegen deinen Nächsten aussagen, noch Falsches über ihn schreiben oder sonst publizieren. Gib der Sorgfalt und Wahrheit höchsten Stellenwert, wenn du als Journalistin oder Journalist tätig bist, denn fundierte Information ist die Grundlage für unser Denken, unser Handeln, unsere Entscheidungen. Sei dir der Macht des Wortes bewusst: Informationen können Kriege und Ungerechtigkeit legitimieren oder Leben schenken.
IX. Sei kritisch gegenüber allem, was du siehst, was du liest und hörst. Glaub nicht alles, was über andere berichtet wird. Informier dich vertieft über die wichtigen Fragen und bilde dir eine eigene Meinung.
Sei dir bewusst, welche Bilder deine Realität prägen und frag dich stets, ob sie stimmen. Sei kritisch gegenüber Deinem Computer, wenn er dir eine Entscheidung vorschlägt. Und klick nicht auf jeden Link …
X. Achte auf die Arbeit, die du andern schaffst. Verzichte auf unübersichtliche Nutzerbestimmungen und seitenlange Verträge, auf Desinformation und Überinformation und auf das Verschicken von Spam.
Lass auch andern Pause, erwarte nicht Präsenz rund um die Uhr – weder von deinen Dienstleistungsbetrieben, noch von deinen Mitarbeitern. Denn es sind nicht Maschinen betroffen, sondern Menschen – und mit ihnen ihre Familien und Freunde.
Thomas Merz-Abt

Thomas Merz-Abt, Prof. Dr. phil., lic. theol., ist Fachbereichsleiter Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Zuvor war er viele Jahre auch als Dozent für Religionspädagogik in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung tätig. Er ist Mitglied der Synode der Thurgauer Landeskirche, Präsident der katholischen Kirchgemeinde Weinfelden und vielfältig ehrenamtlich engagiert.

Keine Kommentare: