Freitag, 10. Januar 2014

Onkel Wanja

Hier die Theaterkritik von Kurier. Gesehen das Theater in Winterthur. Zum Titel meine ich: Das Theater zeigt, dass das Leben depressiv sein und werden kann, aber gelacht habe ich nicht...

Herausragend war Sarah Viktoria Frick, eine Bündnerin ;-)

"Onkel Wanja": Das Leben ist eine Hölle zum LachenMatthias Hartmanns ungewöhnliche Deutung von Tschechows "Onkel Wanja" begeisterte das Premierenpublikum.

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Das Erste, was an dieser Inszenierung auffällt: Wo sind die Birken? Ist das überhaupt erlaubt? Ein Tschechow ohne traurig hängendes Laub? Die Wodka-Flaschen dagegen, die sind an Ort und Stelle. Ohne die geht es wirklich nicht. Wobei: Vielleicht wäre das einmal eine wirklich radikale Deutung: Eine Tschechow-Inszenierung, in der alle nüchtern sind.
Einen "Onkel Wanja" ohne "atmosphärisches Gewese" hatte Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann im KURIER angekündigt: "Ich möchte es zuspitzen, ich möchte es hart haben, brutal, es soll die Hölle sein, die Hölle des Lebens. Und darüber muss man fast schon wieder lachen können."
Nach der Premiere steht fest: Dieser Plan ist wunderbar aufgegangen. Zwar hörte man einige Besucher murren, denen die Gesellschaftskritik zu kurz kam. Aber der überwiegende Teil des Publikums bedachte die aberwitzige, zum Lachen schreckliche, tief traurige Hochtempo-Komödie, die Hartmann in Tschechows Text freilegte, mit langem Applaus und vielen Bravos.

Schüsse

Gleich zu Beginn wird klar gemacht: In dieser Inszenierung sitzt niemand brütend im russischen Gemüse herum. Das Stück beginnt mit Schüssen. Hartmann zieht den Mordversuch des Gutsverwalters Wanja am Professor Alexander vor, diese Schlüsselszene kommt später noch einmal.
Tschechow zeigt in diesem Stück das Dasein als ein Zum-Leben-verurteilt-Sein: Die arroganten Stadtmenschen laborieren an unheilbarer Langeweile und existieren dank der Arbeitskraft der Landbevölkerung. Die Liebe ist, wie immer bei Tschechow, aussichtslos, unpassend, lächerlich. Das Leben besteht aus dem Warten auf sein Ende (in dieser harten Inszenierung glaubt man manchmal, sich in einen Beckett-Text verlaufen zu haben). Dass sich die Zeiten dramatisch ändern (das Stück entstand 1896), dass draußen schon die Revolutionäre rufen, kriegen die Personen gar nicht mit.

Schauspieler

Der einzige Vorwurf, den man dem Regisseur machen kann: Hartmanns Inszenierung vertraut ganz auf die ungewöhnlich hohe Qualität der Schauspieler. Mit weniger guten Darstellern könnte sie auch peinlich aussehen.
Aus dem Ensemble ragen zwei Darsteller heraus: Nicholas Ofczareks Studie des Wanja ist atemberaubend – wir erleben mit, wie ein Mensch vor unseren Augen zerfällt. Ebenso gut: Sarah Viktoria Frick, die zutiefst berührt als unglücklich liebendes Mädchen, das in der Verzweiflung Größe beweist. Michael Maertens sammelt als ökologisch engagierter Landarzt virtuos Lacher ab. Aber bei dieser Rolle hat man das Gefühl: Da geht noch mehr. Das wäre eine Aufgabe für einen Regisseur: Diesen hinreißenden Schauspieler aus seiner "comfort zone" herauszulocken.
Gerd Voss spielt den Professor Alexander als verzweifeltes Ekel, wie aus einem Bernhard-Stück. Voss kämpft noch ein wenig mit dem Text, aber sein subtiles Körperspiel ist sehenswert. Auch Caroline Peters, Elisabeth Orth, Barbara Petritsch und vor allem Branko Samarovski sind sehr gut.
KURIER-Wertung: ***** von *****

Fazit: Eine harte, verzweifelte Komödie

Stück Ein Text wie von Beckett oder Thomas Bernhard: Ein eitler, an seinem Altern verzweifelnder Professor, offenbar ein Scharlatan und dennoch ein Star der Akademikerszene, hält sich eine junge Frau und lässt seine Tochter und seinen Schwager Wanja auf einem Landgut schuften, damit sie seinen Lebensstil finanzieren. Allen gemeinsam ist: Hoffnungslosigkeit.
Inszenierung Matthias Hartmann wählt ungewöhnliche Perspektiven: Er inszeniert den Stoff als harte, verzweifelte Komödie, anstatt die Verzweiflungsstarre der Personen zu zeigen. Und er rückt den Wanja anstelle des Professors in den Mittelpunkt.
Spiel Außergewöhnlich stark.

Onkel Wanja, Theather

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