Dienstag, 20. Mai 2014

Mittelschule, Gymnasium, Kantonsschule, Kanti im Vergleich

Mittelschule, Gymnasium, Kantonsschule, Kanti im Vergleich

Aus dem Tagi kopiert:


Tessiner sind gescheiter als Glarner

Von Markus Wüest. Aktualisiert am 23.08.2012 29 Kommentare
Die Maturitätsquote variiert in der Schweiz von Kanton zu Kanton stark – viel zu stark.
Basel weit vorne: Der Stadtkanton hat eine hohe Maturitätsquote, hinkt aber bei der Berufsmaturität hinterher.
Basel weit vorne: Der Stadtkanton hat eine hohe Maturitätsquote, hinkt aber bei der Berufsmaturität hinterher.
Bild: Quelle: Bundesamt für Statistik

Es ist Erklärungsbedarf notwendig, um die Maturitätsquoten in den Schweizer Kantonen auch wirklich zu verstehen. Zusammengetragen wurden die Zahlen in der obenstehenden Tabelle vom
 Bundesamt für Statistik (BfS). Sieht man sich die gymnasialen Maturitätsquoten in den einzelnen Kantonen an, fällt dabei vor allem eines auf: Die Spannweite ist enorm. Nahezu ein Drittel der Tessiner Jugendlichen machen eine gymnasiale Matur. Im Kanton Glarus ist es nur gerade jeder und jede achte. Das ist Fakt. Davon nun aber auf eine unterschiedliche Intelligenzverteilung in der Schweiz schliessen zu wollen, ist unzulässig. Die Frage muss vielmehr lauten: Weshalb gibt es diese krassen Unterschiede?An alle Glarner, die nun wutschnaubend diese Zeilen lesen, weil der Titel sie provoziert hat: Gemach! Und an alle Tessiner, die mit stolzgeschwellter Brust und der Basler Zeitung unter dem Arm sofort ins Caffè rennen, auf den Titel tippen und zu den Kollegen sagen: «Da habt ihr es! Schwarz auf Weiss!», auch nur dieses eine Wort: Gemach!
Starke Verankerung
Es gibt verschiedene Ansatzpunkte für eine Erklärung. Dass die lateinischen Kantone – also die Westschweiz und der Spitzenreiter Tessin – alle ganz vorne liegen, hat mit den unterschied­lichen Bildungsmodellen in der Deutsch- und der Westschweiz zu tun. Während in der Deutschschweiz die Berufslehre traditionell eine starke Verankerung hat, setzt man in der Westschweiz und im Kanton Tessin eher auf den akademischen Weg, wenn es um die Berufschancen geht.
Betrachtet man das andere Ende der Statistik des Jahres 2010, so stehen dort – mit Ausnahmen – vor allem kleinere, ländliche Kantone wie Obwalden, Thurgau, Schaffhausen und Glarus. Aber auch ein vermeintliches Schwergewicht, das man weiter oben erwartet hätte: St. Gallen.
Das BfS vermutet hinter der schlechten Platzierung der kleineren, eher dünn besiedelten Kantone «populations- beziehungsweise migrationsbedingte Schwankungen», was die Maturitätsquote in diesen Kantonen von Jahr zu Jahr stark unterschiedlich ausfallen lasse. Dies mag zutreffen, zieht man aber die Zahlen von 1995 bei, finden sich viele dieser kleinen Kantone auch bereits im hintersten Drittel der Rangliste.
Ist dort also die Selektion bei der Aufnahme ins Gymnasium viel härter? Und wenn ja, wollen diese Kantone gezielt eine Auswahl der Allerbesten, so wie sich das Lino Guzzella, der neue Rektor der ETH, in einem Interview in der NZZ vorgestellt hat?
Eine Jugend in Schleitheim
Es gibt keine eindeutigen Antworten. Grundsätzlich aber ist städtisches Umfeld und Wohnsitz in der Westschweiz also eine viel bessere Voraussetzung, um mit 18, 19 die Schule mit dem Maturzeugnis im Sack zu verlassen, als eine Jugend in Elm, Nesslau oder Schleitheim.
Urs Moser, Bildungsforscher an der Universität Zürich und Mitglied der nationalen Projektleitung Pisa, stösst sich an dieser grossen Bandbreite bei den Maturitätsquoten. Es gehe um Chancengleichheit, sagt Moser. «Eine Bandbreite von 12,3 bis 29,8 Prozent ist zu gross.» Das führe zu einer Verzerrung der gesellschaftlichen Bedingungen, wenn dem Wohnort bei der Frage gymnasiale Maturität ja oder nein eine so grosse Rolle zukomme.
Lino Guzzella greife mit seiner Argumentation, die Schweizer Unis müssten engere Tore haben, aber zu kurz, sagt Moser. «Wenn wir die Zahl der Arbeitslosen in anderen Ländern mit der Zahl in der Schweiz vergleichen, stehen wir sehr gut da. Wir liegen mit unserer Akademikerquote also vermutlich ziemlich richtig.»
Tatsache: Wir werden klüger
Wie die Sache mit fünf Prozent mehr Maturanden aber aussehen würde, könne niemand sagen. «Trotzdem wird die Maturitätsquote gerne immer mal wieder zum Thema gemacht und es werden Behauptungen aufgestellt, obwohl das Zahlenmaterial dazu dünn ist», sagt Urs Moser. «Das sind dann persönliche Erklärungsversuche, ohne wissenschaftliche Fakten.» Er spricht auch von einer «verblüffenden Ursachenforschung».
«Mit ‹Evamar II›, der Evaluation zur Maturitätsreform von 1995, liegt eine einzige fundierte Studie zum Thema vor, und die wird nun immer wieder zitiert», kritisiert der Bildungsforscher aus Zürich, der sich zudem über einen anderen Effekt mokiert: «Seit den Sumerern war es immer schon so, dass sich die ältere Generation über den Bildungsverlust der Nachwachsenden entsetzt gezeigt hat. Tatsache aber ist, dass die Menschheit seither immer klüger geworden ist, wir über immer mehr Wissen verfügen.»
Richtet man den Fokus wieder auf die nackten Zahlen in der Tabelle, fallen verschiedene Besonderheiten auf. Zum Beispiel der Kanton Uri. Er stand im Jahr 1995 mit 7,5 Prozent Maturanden am Schluss der Rangliste. 15 Jahre später sind es 19,8 Prozent. Guter schweizerischer Durchschnitt. Was ist passiert?
Beat Jörg, Bildungsdirektor des Innerschweizer Bergkantons, erklärt sich die Entwicklung vor allem mit der durchlässigen Oberstufe. Das heisst, dass talentierte Schülerinnen und Schüler länger in ihren Wohngemeinden zur Schule gehen können und ihnen trotzdem noch der Wechsel an die Kantonsschule in Altdorf möglich ist. «Zudem hat die Kanti in Altdorf einen sehr guten Ruf, man geht gerne dort ans Gymnasium», sagt Jörg. Uri hat also aufgeholt. «Wir stehen jetzt recht gut da», sagt der Bildungsdirektor.
Zug hat Boden gutgemacht
Die Maturitätsquote deutlich erhöht hat auch der Kanton Zug. Er ist neben Basel-Stadt der einzige Kanton aus der Deutschschweiz, der in die Phalanx der lateinischen Kantone hat eindringen können. Von 14,3 Prozent 1995 auf 22,0 Prozent 2010. Nicht ganz so krass wie im Fall von Uri, aber doch auffällig. Lässt sich dieser Anstieg mit dem Wandel vom Agrarkanton zum Standort von Briefkastenfirmen und Ablegern von Weltkonzernen erklären, die dort ideale Bedingungen gefunden haben?
Stephan Schleiss, Vorsteher der Direktion für Bildung und Kultur im Kanton Zug, sieht drei mögliche Ursachen: die im interkantonalen Vergleich wachsende Bevölkerung, sozioökonomische Faktoren, «insbesondere eine starke bildungsnahe Mittel- und Oberschicht», und schliesslich die Lehrerausbildung. «Wer heute Lehrerin oder Lehrer werden will, braucht eine Maturität», sagt Schleiss. «Das fällt in unserem Kanton mit drei ehemaligen Lehrerseminarien ins Gewicht.»
Weniger statt mehr
Gerade gegensätzlich entwickelte sich die Maturitätsquote in Baselland, Schaffhausen und Glarus. Im Fall Baselland ist das relativ leicht mit der statistischen Unschärfe zu erklären. Die Quote schwankt immer um 20 Prozent, einmal liegt sie darüber, einmal darunter. Die Ausschläge sind relativ gering. Der Kanton Glarus dagegen hat Boden verloren. Und was ist mit Schaffhausen?
Christian Amsler, Regierungsrat des Kantons, sagt, Schaffhausen gehöre traditionell zu den starken «Berufsbildungskantonen». Die Schaffhauser Wirtschaft biete viele Lehrstellen an. Nicht umsonst liegt der Grenzkanton aus dem Nordosten in der Statistik über die Berufsmaturität denn auch ganz vorne. Mit beachtlichen 17,8 Prozent. Der Anteil steigt kontinuierlich. «Von politischer Steuerung der gymnasialen Maturitätsquote kann bei uns nicht die Rede sein», sagt Amsler. «Tatsache ist aber, dass die Berufsmaturität im Kanton Schaffhausen eine hohe Anerkennung geniesst.»
Zu Recht weist Christian Amsler zudem auf die Tücken von Statistiken – und ihrer Interpretation – hin. «Für aussagekräftige Werte sollte ein Durchschnittswert von mindestens drei Jahren berechnet werden.» In den letzten Jahren seien es im kleinen Kanton Schaffhausen zwischen 130 und 150 Schülerinnen und Schüler pro Jahr gewesen, die die Matur bestanden. Bei diesen kleinen Zahlen wirken sich Schwankungen «prozentual stärker» aus.
Apropos Vergleich. Urs Moser von der Uni Zürich macht sich in keiner Art und Weise für eine Standardisierung der Maturprüfungen in der Schweiz stark. «Aber mehr Transparenz würde bestimmt nicht schaden», findet er. «Es stünde den Gymnasien nicht schlecht an, das Thema ein bisschen offensiv anzupacken und zum Beispiel mal mindestens mit einer Teilprüfung in Mathe oder Deutsch zu vergleichen, was die Maturanden können.»(Basler Zeitung)
Erstellt: 23.08.2012, 11:45 Uhr

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