Dienstag, 8. Juli 2014

96 Thesen von Klaus Douglass

96 Thesen von Klaus Douglass

Schon etwas älter - aber immer wieder zu bedenken:
Das Buch ist absolut lesenswert.

1.     Martin Luther wollte die Botschaft der Kirche auf das Fundament der Bibel stellen und ihre äu­ße­ren Formen auf die Höhe der Zeit bringen. Die evangelische Kirche ist derzeit im Begriff, sowohl das eine wie auch das andere zu verfehlen.
2.     Die Reformation hat nicht im sechzehnten Jahrhundert stattgefunden, sondern liegt als Aufgabe vor uns.
3.     Wer die Kirche reformieren möchte, muss bei den Inhalten ansetzen. Er darf dabei aber nicht stehen bleiben.
4.     Reformatorisch sind wir dann, wenn wir die Werke der Reformatoren weiter vorantreiben, und nicht, wenn wir sie lediglich konservieren.
5.     Der christliche Glaube ist weder ein System von Normen und Regeln noch eine Weltanschauung oder Lehre. Im Zentrum des christlichen Glaubens steht vielmehr die Vertrauensbeziehung eines Menschen zu Jesus Christus.
6.     Eine Theologie mit einer klaren Mitte kann sich flexible Ränder leisten. Eine unklare Mitte hingegen führt dazu, dass die Ränder zementiert werden.
7.     Die Ränder der Kirche sind nicht beliebig. Sie müssen vielmehr von der Mitte her geformt werden bzw. in bestmöglicher Weise auf diese Mitte hinweisen.
8.     Die neue Reformation kann sich in vielen Punkten an die erste Reformation anlehnen. In einigen Fragen muss sie aber auch deutlich darüber hinausgehen.
9.     Die Menschen des 21. Jahrhunderts sind durchaus offen für religiöse Frage­stel­lungen. Allerdings suchen sie die Antwort auf ihre Fragen nicht mehr in der Kirche.
10.  Es ist Zeit, dass sich die evangelische Kirche vor allem andern wieder für die Gottesfrage zuständig erklärt.
11.  Jesus Christus ist die Antwort auf den spirituellen Hunger unserer Zeit. Allerdings genügt es nicht, dies lediglich zu behaupten. Es muss in unseren Gemeinden auch erfahrbar werden.
12.  Die Spiritualität in unseren Gemeinden sollte von Hingabe, Begeisterung und Strahlkraft geprägt sein.
13.  Es gibt mindestens fünfzig verschiedene Weisen zu beten – freilich kennen wir davon meist nicht einmal eine Hand voll.
14.  Unsere Kirche braucht einen spiritu­el­len Befreiungsschlag.
15.  Die Gottesliebe ist weithin der blinde Fleck der evangelischen Theologie.
16.  Wichtiger als all unser Tun und Bemühen ist, dass wir immer wieder in die Liebe Gottes eintauchen.
17.  Der oberste Auftrag Jesu an seine Kirche lautet nicht, die Menschen zu betreuen, sondern sie zu Jüngern zu machen.
18.  Es ist der Kirche Jesu Christi nicht ins Belieben gestellt, ob sie “Mission” treiben will oder nicht.
19.  Mission und Toleranz widersprechen sich nicht.
20.  Es gibt kein Christsein ohne Bekehrung – aber durchaus ohne Bekehrungs­erlebnis.
21.  Zum Prozess der Bekehrung gehört die Eingliederung in die Gemeinde.
22.  Wer anderen die gute Nachricht weitersagen möchte, sollte selber eine gute Nachricht sein.
23.  Wir können nicht er­­warten, dass sich die Menschen auf Christus einlassen, wenn wir uns nicht auf sie einlassen.
24.  Wir brauchen nicht nur missionarische Veranstaltungen, sondern missionarische Gemeinden.
25.  Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen ist das wichtigste, was uns heute noch vom Katholizismus unterscheidet.
26.  Die Unterscheidung zwischen so genannten “Geistlichen” und so genannten “Laien” ist unbiblisch und unevangelisch.
27.  Wir können das allgemeine Priestertum in unseren Gemeinden nur aktivieren, wenn wir bei den Menschen eine Liebe zur Heiligen Schrift wecken.
28.  Kein Mensch kann all die Gaben in sich vereinigen, die benötigt werden, damit eine Gemeinde auch nur annähernd mit dem versorgt wird, was sie braucht.
29.  Jeder Christ hat eine persönliche Gabe von Gott – und eine dazu gehörige Auf-Gabe.
30.  Es ist die wichtigste Aufgabe der Gemeindeleitung, den Gemeindegliedern dabei zu helfen, ihre Gaben zu entdecken und zum Einsatz zu bringen.
31.  Menschen sollten in der Gemeinde dort mitarbeiten, wo Gott sie in besonderer Weise begabt hat.
32.  Mitarbeiter(innen), die ihre gottgegebenen Gaben einsetzen, leisten nicht nur gute Arbeit, sondern sind auch motiviert und begeistert.
33.  In der evangelischen Kirche laufen – entgegen ihrem eigenen Selbstverständnis – nahezu alle Fäden auf die Pfarrerinnen und Pfarrer zu.
34.  Die Pfarrer(innen)zentrierung unserer Kirche bringt sowohl unsere Pfarrer(innen) als auch unsere Gemeinden in große Not.
35.  Pfarrerinnen und Pfarrer müssen ihre zentrale Position in Kirche und Gemeinde nutzen, um diese zentrale Position aufzulösen.
36.  Im Neuen Testament werden Gemeinden nicht von Pfarrern oder Pfarrerinnen, sondern von Teams geleitet.
37.  Pfarrerinnen und Pfarrer müssen die Grundsatzentscheidung treffen, ob sie für alle oder für das Ganze da sein wollen.
38.  Die Formel der Zukunft lautet: “Der Pfarrer für die Mitarbeitenden, die Mitarbeitenden für die Gemeinde.”
39.  Einen guten Pfarrer erkennt man an der Mündigkeit seiner Gemeinde.
40.  Die Erneuerung unserer Gemeinden hängt stark von der geistlichen Erneuerung der Pfarrerinnen und Pfarrer ab.
41.  Die Frage der Führung unserer Gemeinden ist ein unge­lös­tes Problem, das wir als Ballast mit in das neue Jahrtausend genommen haben.
42.  Kirchenvorstände sollen Gemeinden leiten. Faktisch aber sind sie über­wie­gend mit Verwaltungs- und Organisationsaufgaben beschäftigt.
43.  Wo keine Führung ist, herrscht nicht Freiheit, sondern das Recht des Stärkeren.
44.  Gemeinden brauchen ein Leitbild, an dem sie sich orientieren können.
45.  Das Wir­ken des Heiligen Geistes macht ein planvolles Vorgehen nicht überflüssig, sondern überhaupt erst sinnvoll.
46.  Die Aufgabe des Kirchenvorstands der Zukunft lautet: “Vision entwickeln, Visio­n ver­mitteln, Vision umsetzen.” – Alle anderen Arbeiten können delegiert werden.
47.  Nach der Vorstellung des Neuen Testamentes sollen nur Menschen die Gemeinde führen, die auch in der Lage sind, sie geistlich zu versorgen.
48.  Jesus hat uns vorgemacht, wie wir innerhalb der Kirche führen sollen: Er herrschte nicht über seine Jünger, sondern diente ihnen.
49.  Unsere Gemeinden sind zu groß, um persönlich und verbindlich zu sein, und zu klein, um in Hinblick auf Diakonie, Evangelisation oder Spiritualität aus dem Vollen schöpfen zu können.
50.  Das neutestamentliche Gemeindeleben hat zwei gleichberechtigte Mittelpunkte: Die gottesdienstliche Feier und die Hausgemeinschaft.
51.  Gott wohnt nicht in einem eigenen Gebäude, sondern da, wo Menschen wohnen.
52.  Die Hauskreise unserer Tage sind nicht identisch mit den Hausgemeinschaften des Neuen Testamentes, aber sie sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
53.  Es gibt kein Medium, das geeigneter wäre, Menschen dabei zu helfen, zum Glauben zu kommen, im Glauben zu wachsen und ihren Glauben mit anderen zu teilen, als die Häuser der Christen.
54.  Kreise und Gruppen gibt es in unseren Gemeinden viele. Was wir aber vor allem brauchen, sind ganzheitliche Kleingruppen.
55.  Die Gemeinde der Zukunft wird nicht mehr Hauskreise oder ähnliche Kleingruppen haben. Sie wird aus solchen Kleingruppen bestehen.
56.  Nur in einer ganzheitlichen Kleingruppe bekommt der Mensch das Maß an Zuwen­dung, das er wirk­lich braucht. Darum werden die Kleingruppenleiter die Pastoren der Zukunft sein.
57.  Christliche Liebe ist ihrem Wesen nach anders als jede andere Liebe.
58.  Wenn wir möchten, dass die Menschen liebevoller werden, müssen wir ihnen die Liebe Gottes zugänglich machen.
59.   Es gibt kein lebendiges Christentum ohne Gemeinschaft.
60.  Die christliche Gemeinde ist das wichtigste Beziehungsfeld im Leben eines Christen. Sie ist seine “neue Familie”.
61.  Christliche Gemeinschaft ist nicht so sehr ein Ideal, das wir einfordern könnten, als vielmehr eine Aufgabe, an die Gott uns stellt.
62.  Liebevolle Gemeinden haben Zulauf.
63.  Unsere Gemeinden sollten ein wohltuender Kontrast zur sonstigen Gesellschaft sein.
64.  Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.
65.  Der Gottesdienst, der früher einmal ein Angebot für alle war, ist eine Nischen­veranstaltung geworden.
66.  Der evangelische Gottesdienst ist an die doppelte Kette von Kirchenmusik und litur­gischer Tra­di­tion gelegt. Wenn es uns nicht gelingt, ihn davon zu befreien, wird es ihn bald nicht mehr geben.
67.  Gottesdienstliche Formen sind nicht beliebig, aber sie müssen flexibel sein.
68.  Gottesdienste, die Menschen inspirieren wollen, müssen deren Lebensgefühl ansprechen.
69.  Die nähere Zukunft des Gottesdienstes liegt in einem mehrgleisigen Gottesdienst­konzept.
70.  Der Gottesdienst der Zukunft wird nicht vom Pfarrer oder der Pfarrerin gehalten, sondern von der Gemeinde gefeiert.
71.  Wir brauchen nicht nur ein Konzept, wie wir Gottesdienst feiern, sondern auch, wie wir Gottesdienst leben wollen.
72.  Gottesdienste, die nicht ins Leere laufen wollen, müssen in ein umfassendes Gemeindekonzept eingebunden sein.
73.  Die Strukturen der Kirche sind von enormer geistlicher Relevanz.
74.  Wir sind für die Strukturen verantwortlich, in denen wir leben.
75.  Wir müssen uns entscheiden, welche Priorität wir setzen wollen: Die äußere Kirche zu bewahren oder die innere wieder zu beleben.
76.  Wer möchte, dass Kirche bleibt, wie sie ist, möchte nicht, dass Kirche bleibt.
77.  Strukturen, die den Gemeindeaufbau nicht fördern, verhindern ihn.
78.  Aufgabe der Synoden in den nächsten Jahren wird sein, die Gemeinden von ca. 80% der derzeit gültigen Regeln zu entlasten. In der Zwischenzeit sind die Gemeinden zu zivilem Ungehorsam aufgerufen.
79.  Komplizierte Strukturen lähmen unsere Gemeinden. Die Devise der Zukunft lautet daher Vereinfachung. Was nicht einfach geht, geht einfach nicht.
80.  Wir brauchen nicht nur eine Strukturreform, sondern eine Reformation der Strukturen.
81.  Die größte Stärke der Landeskirche – die Ortsgemeinde – bleibt über weite Strecken ungenutzt.
82.  Die derzeitige Strategie vieler Landeskirchen, Gemeinden zusammenzulegen, wird sich über kurz oder lang als tödlich erweisen. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Gemeinden.
83.  Das Jahrhunderte alte System von Ortsgemeinden bedarf der Ergänzung durch eine Vielfalt anderer Gemeindemodelle.
84.  Pfarrer müssen keine Akademiker und sie dürfen keine Beamten sein.
85.  Eine Gemeinde, die nicht mehr pfarrer(innen)zentriert ist, wird auf Dauer auch keine andere Autorität mehr über sich zulas­sen. Das ist konsequent umgesetztes “Priestertum der Gläubigen” auf höherer Ebene.
86.  Die Gemeinden sind nicht dazu da, der Institution Kirche zu dienen, sondern die Institution Kirche ist dazu da, den Gemeinden zu dienen.
87.  Innerhalb unserer Kirche müssen Hierarchien und Verwaltungsstrukturen radikal abge­baut werden – und das möglichst bald.
88.  Die Gemeinde der Zukunft hat das Recht und die Pflicht zur Profilbildung.
89.  Mehr als an allen finanziellen und personellen Engpässen leidet unsere Kirche derzeit an feh­len­den Träumen.
90.  Träume sind nicht unrealistisch. Sie sind lediglich in einer anderen Realität ver­wurzelt.
91.  Die Kirche nach vorne zu träumen heißt, in unseren Gemeinden den Traum von der Urgemeinde neu zu beleben.
92.  Die kommende Kirche träumen heißt, Gottes Traum von Kirche nachzuspüren.
93.  Unsere Träume müssen groß genug sein, dass Gott darin Platz findet.
94.  Träumen allein reicht nicht. Wir müssen unsere Träume auch in die Tat umsetzen.
95.  Nach vorne träumen heißt Neues zu umarmen.
96.  Die einzigen Mächte, die etwas zum Guten verändern können, sind Glaube, Liebe und Hoffnung.


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