Montag, 8. September 2014

Fresh Expression

Fresh Expression vis à vis Ortsgemeinde. Eine pointierte und geniale Erklärung, warum wir nicht darum herumkommen Kirche neu zu denken von Herbert Pachmann in der Reformierten Presse. Dort noch unter dem Titel "A Dieu liebe Ortsgemeinde". ich meine es wird für lange Zeit beides geben und brauchen: Eine Territorialgemeinde (das ist nicht gleich der heutigen Kirchgemeinde, sondern eher regional zu denken) und eine Interessensgemeinde)

vgl. http://www.ref.ch/menschen-meinungen/a-dieu-liebe-ortsgemeinde/
Es sei unerlässlich, über die Ortsgemeinde und künftige Formen von Kirche zu diskutieren, findet Herbert Pachmann, Redaktor der Reformierten Presse und Pfarrer. Ein Kommentar.

In beinahe allen Kantonalkirchen sind derzeit Strukturreformen im Gange. Dabei gerät die traditionelle Ortsgemeinde unter Druck. Sie sei ein Auslaufmodell, wissen die einen und fordern Profilgemeinden. Die Parochie sei die eigentliche Stütze des reformierten Kirchenwesens, meinen die anderen. Finanzleute wiederum halten die Ortsgemeinde für eines der teuersten aller denkbaren Modelle, Kirche zu organisieren.
Noch vor wenigen Jahren wäre es eine häretische Anmutung gewesen, die Ortsgemeinde infrage zu stellen. Heute sprechen wir gelassener und gleichwohl engagiert über Fusionen, Milieus und zukunftsfähige Gemeindemodelle. Und es zeichnet sich ab, dass es neben und anstatt der herkömmlichen Ortsgemeinde andere Formen von Kirche geben muss. Vor allem in den ländlichen Gebieten läuft es darauf hinaus, dass das flächendeckende Netz von Parochien immer dünner wird.

Bibel beschreibt verschiedene Sozialformen von Gemeinde

In den Städten und Agglomerationen wählen Menschen bereits mit unaufgeregter Selbstverständlichkeit die Gemeinde, die ihnen wegen des jeweiligen Profils, einer Pfarrperson oder des Gottesdienststils zusagt. Territoriale Denkmuster wirken zunehmend fremd. Theologisch wird eine Gemeinde ohnehin nicht durch räumliche Grenzen definiert, sondern bezeichnet Menschen, die sich regelmässig oder zu bestimmten Gelegenheiten im christlichen Geist versammeln und bestimmte Merkmale erfüllen. Da sind also sehr unterschiedliche Gemeindeformen möglich. Auch die Bibel legt sich nicht auf ein Modell fest, sondern beschreibt verschiedene Sozialformen von Gemeinde.
Die jüngsten Milieustudien haben gezeigt, dass die herkömmliche Ortsgemeinde vor allem Menschen erreicht, die wenig mobil und eher traditionell orientiert sind, die im Nahbereich Gemeinschaft suchen und Wert auf regelmässig wiederkehrende Veranstaltungen legen. Aufs Ganze gesehen eine Minderheit. Theologisch ist es aber problematisch, wenn sich die Kirche auf eine Organisationsform konzentriert und damit einer Mehrheit den Zugang zum Evangelium erschwert. Ihr Auftrag ist es ja, das Evangelium aller Welt zu kommunizieren, nicht nur einer älteren Bevölkerungsgruppe.

Altes Besitzstandsdenken beiseite legen

Gefragt sind Gemeindeformen, die sich an die gesellschaftliche Mitte und Mehrheit richten, also an Menschen der jungen und mittleren Generation, an beruflich Eingespannte, Singles und spirituell Suchende. Für eine Ortsgemeinde kann dies bedeuten, dass sie Menschen an andere kirchliche Orte verliert. Das kann wehtun, vor allem, wenn es sich um engagierte Mitglieder handelt. Darum brauchen wir eine veränderte Mentalität, die stärker die Gesamtkirche statt die «eigene» Gemeinde im Blick hat.
Es kann nicht mehr darum gehen, Menschen in eine bestimmte Gemeinde zu sozialisieren, sondern sie – wo auch immer – mit dem Evangelium zu erreichen und Glauben zu wecken. Damit richtet sich die Erwartung auf Kirchenleitungen, die Pfarrerschaft und die Behördenmitglieder, dass sie altes Besitzstandsdenken beiseite legen und mit Neugier, Elan und Gottvertrauen Platz für Neues schaffen. Natürlich braucht es dafür Mut, aber was würde ohne diesen aus unserer Kirche werden?

Herbert Pachmann ist Redaktor bei der Reformierten Presse und Pfarrer.Dieser Text erschien am 11. Juli 2014 erstmals in der Reformierten Presse.

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