Mittwoch, 4. Februar 2015

Barmherzigkeit

Gute Zusammenfassung auf der Website von Taizé:

„Glücklich die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Matthäus 5,7). Den Barmherzigen verspricht Jesus, was sie bereits leben: die Barmherzigkeit. In den anderen Seligpreisungen enthält die Verheißung ein Mehr, führt sie weiter: die Weinenden werden getröstet, die im Herzen Lauteren, werden Gott schauen. Aber was kann Gott den Barmherzigen noch geben? Die Barmherzigkeit ist Fülle Gottes, Fülle des Menschen. Die Barmherzigen führen schon Gottes Leben.
Barmherzigkeit ist ein altes Wort. Im Lauf seiner langen Geschichte hat es eine weit gespannte Bedeutung erlangt. Auf Griechisch, der Sprache des Neuen Testaments, heißt Barmherzigkeit „éléos“. Dieses Wort ist uns vom Gebetsruf Kyrie eleison vertraut, der nach der Barmherzigkeit des Herrn ruft. „Éléos“ ist in der griechischen Fassung des Alten Testaments die gebräuchliche Übersetzung des hebräischen Worts „hésèd“. Es ist eines der schönsten biblischen Wörter. Oft übersetzt man es schlicht mit „Liebe“.
„Hésèd“, Barmherzigkeit oder Liebe, gehört zum Wortschatz des Bundes. Auf Seiten Gottes bezeichnete es eine unerschütterliche Liebe, die eine Gemeinschaft für immer durchtragen kann, gleich was geschieht. „Meine Liebe weicht nicht von dir“ (Jesaja 54,10). Da der Bund Gottes mit seinem Volk jedoch von Anfang an eine Geschichte voller Brüche und Neuanfänge ist (Exodus 32-34), liegt es auf der Hand, dass eine solche unbedingte Liebe Verzeihen erfordert und nur Barmherzigkeit sein kann.
„Éléos“ gibt noch ein anderes hebräisches Wort wieder: „rahamîm“. Dieses Wort steht oft neben „hésèd“, ist aber gefühlsbeladener. Wörtlich bedeutet es Schoß, in der Mehrzahlform von „réhèm“ Mutterschoß. Barmherzigkeit oder Erbarmen ist die gefühlte Liebe, die Zärtlichkeit einer Mutter zu ihrem Kind (Jesaja 49,15), die Zuneigung eines Vaters für seinen Sohn (Psalm 103,13), die enge brüderliche Liebe (Genesis 43,30).
Barmherzigkeit ist in der biblischen Bedeutung weit mehr als ein Aspekt der Liebe Gottes. Barmherzigkeit ist wie das eigentliche Wesen Gottes. Dreimal spricht Gott vor Moses seinen Namen aus. Beim ersten Mal sagt er: „Ich bin, der ich bin“ (Exodus 3,14). Beim zweiten Mal: „Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Barmherzigkeit, wem ich will“ (Exodus 33,19). Der Rhythmus des Satzes ist derselbe, aber hier stehen Gnade und Barmherzigkeit für das Sein. Für Gott heißt sein, was er ist, Gnade und Barmherzigkeit erweisen. Dies bestätigt der dritte Ausspruch des Namens Gottes: „Der Herr ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Erbarmen und Treue“ (Exodus 34,6).
Dieser „Name“ wird bei den Propheten und in den Psalmen aufgegriffen, insbesondere im Psalm 103 (V. 8). Im Hauptteil (Verse 11 bis 13) wird das unerhörte Ausmaß der Barmherzigkeit Gottes bewundert. „So hoch wie der Himmel über der Erde ist, reicht seine Barmherzigkeit...“: Sie ist Gottes Transzendenz. Aber sie ist auch seine Menschlichkeit, wenn man zu sagen wagt: „Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt...“ Transzendent und zugleich ganz nahe, kann sie alles Böse wegnehmen: „So weit der Aufgang der Sonne entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er die Schuld von uns.“
Die Barmherzigkeit ist das Göttlichste an Gott, sie ist auch das Vollkommenste im Menschen. „Er krönt dich mit Barmherzigkeit und Erbarmen“, heißt es im Psalm 103. Man muss diesen Vers im Licht eines anderen aus Psalm 8 lesen, wo es heißt, dass Gott den Menschen „mit Herrlichkeit und Schönheit“ krönt. Die nach seinem Bild geschaffenen Menschen sind aufgerufen, die Herrlichkeit und Schönheit Gottes zu teilen. Aber recht eigentlich sind es Barmherzigkeit und Erbarmen, die uns am Leben Gottes teilhaben lassen.
Das Wort Jesu: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36) ist Widerhall des alten Gebots: „Seid heilig, wie ich, der Herr, euer Gott, heilig bin“ (Levitikus 19,2). Jesus gab der Heiligkeit das Gesicht der Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit ist der reinste Widerschein Gottes im Leben eines Menschen. „Durch die Barmherzigkeit für den Nächsten bist du Gott ähnlich“ (Basilius der Große). Die Barmherzigkeit ist die Menschlichkeit Gottes. Sie ist auch die göttliche Zukunft des Menschen.

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