Mittwoch, 9. März 2016

Chile Tramite

Wer wissen will, was Tramite in Chile bedeutet, kann sich mal diese Geschichte lesen, die ich in Condor.cl gefunden habe:

Führer ohne Schein
31. August 2014 von Cóndor-Redaktion
Liebe Cóndor-Leser,

mehr als neun Jahre fahre ich in Chile mit deut­schem Füh­rer­schein – unfall­frei, sor­gen­frei, rei­bungs­los an der Poli­zei vor­bei. Doch bei einer Kon­trolle wurde ich nun ermahnt: Wer als Aus­län­der eine unbe­schränkte Auf­ent­halts­er­laub­nis hat, der muss auch einen chi­le­ni­schen Füh­rer­schein besit­zen. Als ord­nungs­lie­ben­der Deut­scher wollte ich die­ser Auf­for­de­rung natür­lich nach­kom­men.

Doch ein­fach die Papiere umschrei­ben zu las­sen geht nicht mehr. Das neue Gesetz ver­langt jetzt die theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Prü­fung; zustän­dig ist die Gemeinde, in der man auch wohnt. Und da gab´s die erste Über­ra­schung: Um über­haupt zuge­las­sen zu wer­den, sollte ich mei­nen Abschluss der «enseña básica» vor­le­gen. Wie bitte? Mein Grund­schul­zeug­nis? Das liegt in Deutsch­land. «Tja, dann müs­sen Sie halt einen Test machen», ent­geg­nete mir die Sach­be­ar­bei­te­rin freund­lich. Mit der besag­ten Arbeits­probe sollte nach­ge­wie­sen wer­den, dass ich lesen und schrei­ben kann.

Was ich zunächst für einen Scherz hielt, wurde bit­te­rer Ernst. Meine Ent­geg­nun­gen, dass ich Chef­re­dak­teur einer Zei­tung und durch­aus fähig bin, einen Text zu lesen und zu schrei­ben, nütz­ten nichts. Ohne­hin, kon­terte ich, setze die theo­re­ti­sche Füh­rer­schein­prü­fung vor­aus, dass man die Auf­ga­ben­fra­gen auch ver­steht. Aber auch die­ser Logik wollte die Sach­be­ar­bei­te­rin nicht fol­gen, die ich mei­ner­seits jetzt nicht mehr so freund­lich fand.

Doch so schnell wollte ich mich nicht geschla­gen geben. Bei mei­nem zwei­ten Anlauf hatte ich mich mit mei­nem Uni­ver­si­täts­ab­schluss in der Hand bewaff­net – und zwar vom chi­le­ni­schen Kon­su­lat in Ham­burg aner­kannt, von der chi­le­ni­schen Aus­län­der­be­hörde offi­zi­ell über­setzt und beglau­bigt. Doch der sicher geglaubte Sieg über die Behörde wurde zum Rohr­kre­pie­rer: Wie­der wurde ich abge­lehnt. «Wir akzep­tie­ren nur Abschlüsse der ense­ñanza básica.»

Schließ­lich schal­tete ich die vierte Macht im Staate ein: die Medien. Über die Rubrik «Der Mer­cu­rio kämpft für sie» würde diese Zei­tung eine Bre­sche in den Behör­den­dschun­gel für mich schla­gen, so hoffte ich. Doch wie­der Fehl­an­zeige. Mein Bil­dungs­ab­schluss müsse natür­lich vom chi­le­ni­schen Bil­dungs­mi­nis­te­rium aner­kannt wer­den, hieß es nun. Tja, und drei­mal dür­fen Sie, lie­ber Leser, raten, was mir das Bil­dungs­mi­nis­te­rium sagte, als ich dort mein Uni-Diplom vor­legte: «Wir lega­li­sie­ren nur ense­ñanza básica und media.» Auch mein erneut logi­scher Hin­weis, dass ich doch nicht stu­die­ren könne, ohne vor­her die Schule erfolg­reich besucht zu haben, fruch­tete nicht.

Als ich mir schließ­lich vom «Cóndor»-Verlag ein Zer­ti­fi­kat aus­stel­len ließ, dass bestä­tigt, dass ich in Pro­vi­den­cia arbeite, um schließ­lich in die­ser Gemeinde mein Glück zu ver­su­chen, erging es mir fast schon so wie Josef K. in dem Klas­si­ker «Der Pro­zess» von Franz Kafka: Den eigent­li­chen Beweg­grund mei­ner Behör­den­gänge hatte ich schon ver­ges­sen. Jetzt ging es mir nur noch darum, wie ich bewei­sen könne, dass ich kein Analpha­bet bin. Zur Erin­ne­rung: Aus­gangs­punkt des Feld­zu­ges war der chi­le­ni­sche Füh­rer­schein.

In Pro­vi­den­cia drehte ich dann end­gül­tig durch. Mein Stu­di­um­ab­schluss würde gene­rell zwar aner­kannt, doch es fehle die «vali­da­ción». Eine Gül­tig­keits­er­klä­rung? Auch beim chi­le­ni­schen Kon­su­lat in Ham­burg konnte man mir auf meine Nach­frage nicht erklä­ren, was damit gemeint sei. Wut­ent­brannt beschul­digte ich die Beam­tin im Rat­haus der Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung und ver­ließ unter deut­schen Flü­chen das Gebäude.

Und nun? Nein, lie­ber Leser, diese Geschichte hat lei­der kein Happy End. Ich fahre wei­ter­hin ille­gal auf chi­le­ni­schen Stra­ßen, lenke unser Auto als ein Füh­rer ohne Schein. Nach dem gan­zen Ärger, vie­len Tele­fo­na­ten, War­te­stun­den und gut gemein­ten Rat­schlä­gen ist mir doch noch eine Idee gekom­men: Viel­leicht melde ich mich bei der Deut­schen Schule San­tiago an, um die Grund­schule zu wie­der­ho­len und das besagte Zer­ti­fi­kat zu erhal­ten. Das hätte dann auch den Vor­teil, dass ich neben mei­nen bei­den Söh­nen die Schul­bank drü­cken und wir die Haus­auf­ga­ben gemein­sam lösen könn­ten.

Herz­lichst Ihr

Arne Dett­mann

Auto, Fahrausweis, Führerschein, Bewilligung, Chile

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