Donnerstag, 28. Dezember 2017

Weihnachten - Weihnachtschristen

Seit ich Pfarrer bin, setze ich mit für die Weihnachtschristen ein, die mehr oder weniger 1x pro Jahr in die Kirche kommen und von den Pharisäer der Kirche so schief angeschaut werden (vgl. Matthäus 23,25-36)

Dazu habe ich einen wunderbaren Artikel im Der Tagesspiegel von Ann-Katrin Hipp gefunden: Ich danke ihr, dass sie das so treffend formuliert hat und wohl mehr von Weihnachten mitnimmt, als die Pharisäer, die argwöhnisch an Weihnachten die volle Kirche und deren Menschen betrachten oder die Predigt kritisieren, sie hätte mit der Bibel nichts zu tun...

Der Artikel gibt mir Mut, mich immer wieder für einen offenen, einladenden Gottesdienst einzusetzen. Denn nicht die "Frommen" bedürfen den Gottesdienst, sondern die Suchenden .

Einmal im Jahr in die KircheWir sind die Weihnachtschristen

Alle Jahre wieder kommt die Weihnachtschristin in mir raus. Dann krame ich das in Gold eingebundene, verstaubte Gebet- und Gesangbuch aus, das mir meine Uroma vor einer gefühlten Ewigkeit zur Kommunion geschenkt hat und eile gemeinsam mit meinen Eltern in die Dorfkirche, um noch einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern.

Meist ist es für uns das einzige Mal im Jahr, dass wir den Gottesdienst besuchen. Papa, der früher Messdiener war, Mama, die vor ein paar Monaten aus der katholischen Kirche ausgetreten ist und ich, gefühlsmäßig irgendwo dazwischen. Die Messe an Heiligabend ist Teil unserer Tradition. Ich hinterfrage sie genauso wenig, wie Omas Plätzchen in der Adventszeit, unseren Tannenbaum mit den roten Glaskugeln oder das Racletteessen vor der Bescherung. Das alles gehört einfach dazu.

Dieses Gehört-Dazu-Gefühl herrscht nicht nur in unserer Familie. Dass die Gotteshäuser pünktlich zum Heiligen Abend gefüllt sind, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Jeder Fünfte wird auch in diesem Jahr hierzulande wieder einen Gottesdienst besuchen. So lautet das Ergebnis einer Insa-Umfrage. Vor dem Berliner Dom stehen dann Absperrgitter, um die Massen sicher in die Kirche zu schleusen und auf dem Land versammelt sich das ganze Dorf zum Gottesdienst. „Die meisten Leute feiern, weil die meisten Leute Weihnachten feiern“, hatte Kurt Tucholsky gesagt. In gewisser Weise hatte er wohl Recht.

Eine Grundlage des christlichen Glaubens ist, dass Gott überall ist und es für ihn kein Haus braucht. So ist es also vollkommen unwichtig, wie oft man in einen Gottesdienst geht. Wichtig ist, wie man sein Leben gestaltet, den Umgang mit dem Nächsten, mit den Schwachen der Gesellschaft und wie stark man versucht, innerhalb der 10 Gebote zu leben.

…schreibt NutzerIn A.v.Lepsius

Das menschliche Bedürfnis nach Ritualen

Das Fest erfüllt das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft und Ritualen. Viele suchen die Alle-Jahre-wieder-Stimmung, die Weihnachtslieder, die Krippe und den geschmückten Tannenbaum. Sie quetschen sich dann auf die sonst so leeren Kirchenbänke, falten fromm ihre Hände und singen „Christ, der Retter ist da“ – um direkt danach ihre einjährige Kirchenabstinenz bis zum nächsten Heiligabend anzutreten. Man hat es ja schließlich immer so gemacht.

Haben wir auch. Seitdem ich denken kann. Anders als zu Kindheitstagen klopft mittlerweile allerdings das schlechte Gewissen an, wenn ich an Heiligabend auf der hölzernen Kirchenbank sitze. Ob ich wohl gerade einem der wenigen Stammgäste den Platz wegnehme? Vielleicht doch lieber aufstehen? Stehplatz, ganz hinten. Da gehört man doch hin, als untreues Vereinsmitglied, als Einmal-im-Jahr-Kirchgänger. Andererseits: Ich bin mit der Kirche aufgewachsen und durch den christlichen Glauben sozialisiert worden. Ich bin getauft, zur Kommunion gegangen, gefirmt und zahle die Kirchensteuer. Ich war auf einer Journalistenschule, die christlich-ethische Leitlinien vertritt. Ich bin eine gläubige Christin.

Glaube ich jedenfalls.

Ziemlich oft zweifle ich aber auch.

Ich ärgere mich über die katholische Kirche als Institution. Ich ärgere mich darüber, dass Frauen keine Priester werden können, dass Priester im Zölibat leben müssen und dass es noch immer kein Amtsträger schafft, zu sagen, dass natürlich auch Homosexuelle Menschen und Christen mit gleichen Rechten sind. Abgesehen davon lässt sich mein aufgeklärtes Ich nicht unbedingt mit dem vereinbaren, was in der Bibel steht: Gott hat die Welt nun mal nicht an sieben Tagen erschaffen, eine Jungfrau kann kein Baby bekommen und wie soll jemand gleichzeitig Vater, Sohn und Heiliger Geist sein? Im wahren Sinne des Wortes schenkt wohl kaum einer der Bibel seinen Glauben, doch selbst über die Auslegung der Texte streiten Theologen. Für mich bleiben es deshalb Erzählungen. Literarische Stücke, die ich nicht genau zu interpretieren weiß, aber deren Kern doch seine Spuren hinterlässt.

Religiosität bleibt eine vage Vorstellung

Denn so sehr mich viele Glaubenslehren nicht überzeugen, so sehr verinnerliche ich die mir über das Christentum vermittelten Werte Nächstenliebe, Solidarität und Menschlichkeit. Und so sehr mir mein rationales Ich sagt, dass die Bibelgeschichten nur Märchen sind und Gott nicht existiert, so sehr kann ich nicht glauben, dass da einfach nichts ist.

Wir wissen nicht, ob es Gott gibt. Aber dass es ihn nicht gibt, wissen wir doch genauso wenig.

Und so schicke ich doch hin und wieder ein Stoßgebet Richtung Himmel, will glauben, dass es mehr gibt als nur das Leben vor dem Tod und zünde während meiner Reisen in Kirchen und Kapellen allerorts eine Kerze für meinen verstorbenen Opa an. Obwohl ich rein rational weiß, dass es ihn nicht mehr gibt und auch ein kleines Licht nichts mehr für ihn tun kann, gibt es doch einen Teil in mir, der darauf hofft.

„Für die Mehrheit derer, die überhaupt noch irgendwas mit dem Christentum anfangen können, ist Religiosität eine vage, unkonkrete Vorstellung“, sagt Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. In der heutigen Gesellschaft entbehre die Religiosität zunehmend konkreter Inhalte, der Glaube sei individualisiert. Dadurch gebe es Differenzen zwischen dem, was religiöse Eliten und Institutionen lehrten und dem, was die Menschen glaubten.

Wahrscheinlich, so Pollack, würden sogenannte Weihnachtschristen nicht darauf beharren, gläubige Christen zu sein. Gleichwohl würden sie ziemlich sicher sagen, dass es im Leben mehr gibt, als sie greifen können.

Religion setzt da an, wo Erklärungen fehlen. Insgeheim hegt wohl auch der modernste Mensch eine Sehnsucht nach etwas, das die Erklärungsmöglichkeiten im Diesseits überschreitet. Sind wir nicht alle auf der Suche nach irgendwas? Auf der Suche nach etwas mehr? Der Wunsch nach Höherem ist selbst den aufgeklärten Gesellschaften nicht auszutreiben. „Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren“, hatte Goethe über die Sehnsucht nach Gott im Zeitalter der Vernunft gesagt. „Glaube ist Vertrauen auf das Unmögliche und Unwahrscheinliche.“ Vielleicht erklärt sich allein dadurch das Überleben der Religion in unserer heutigen Zeit: Glaube als der Lückenfüller, als das Mehr, das dort anfängt, wo unser Sein endet.

Die Weihnachtsgeschichte als Utopie

Weihnachten, sagt Pollack, biete den Menschen die Gelegenheit, diesem Mehr zumindest einmal im Jahr einen Raum zu geben. Wäre die Geschichte, um die sich das Fest dreht, eine sinnlose, so seine Erklärung, würden sich die Menschen nicht so angezogen fühlen.

Doch ist sie nun mal nicht sinnlos, diese Geschichte. Sie ist eine Utopie und enthält eine Botschaft, die auf ihre Weise ganz und gar wunderbar ist. Der Retter der Welt ist ein hilfloses Baby, geboren in einem Stall zwischen Ochs und Esel. Er ist kein Kaiser oder Krieger, hat weder Geld, noch Macht, aber er verspricht Heil und verkündet Liebe. Seine eigentliche Größe besteht in seiner Menschlichkeit. „Fürchtet euch nicht“ und „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, heißt es in der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium.

Sie wird damit zur Friedensgeschichte und Weihnachten zur Antithese von Hass und Gewalt. An Weihnachten, so lautet auch mein Credo, sollte man sich vertragen und die Ambivalenzen des Lebens ausblenden. Nicht ihre historische Richtigkeit macht die Weihnachtsgeschichte würdig, sie immer wieder zu hören, sondern das, was sie transportiert. Mit ihr kehrt die Hoffnung auf das Gute in die Herzen der Menschen zurück.

Es ist ein kleines Wunder, alle Jahre wieder. Eins, das man nicht erklären kann, das man vielleicht aber auch nicht erklären muss.

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