Mittwoch, 26. Juni 2019

Gibt es die vollkommene Kirche?

Zum weisen Einsiedler kam eines Tages ein junger Mensch und sagte, er sei von der Kirche enttäuscht und suche die vollkommene Gemeinschaft der Gläubigen. ...
Da führte ihn der Alte zum Mauerwerk seiner kleinen Kapelle und fragte ihn: "Sag mir, was du siehst." -
"Ich sehe ein altes Gemäuer mit viel Unkraut und Moos," entgegnete der Besucher.
"Und dort wohnt Gott in diesem scheinbar ungepflegten Haus", meinte der Einsiedler.
"So ist es auch mit der Kirche. Sie kann nicht rein und perfekt sein, weil sie aus Menschen besteht.
Auch du bist ein Mensch und ich sage dir: Selbst wenn du die vollkommene Kirche findest, wird sie es in dem Augenblick nicht mehr sein, in dem du ihr beitrittst."

Kirche, Theologie,

Sonntag, 23. Juni 2019

Zuhause - Heimat


„Zuhause“ von Warsan Shire
September 2, 2015 by Alam
Niemand verlässt sein „Zuhause“,
außer „Zuhause“ ist das Maul eines Haifischs 

Du rennst Richtung Grenze nur,
siehst Du die ganze Stadt ebenfalls rennen


Deine Nachbarn rennen schneller als Du
der Atem blutig im Hals
Dein Schulkamerad, er küsste Dich schwindlig hinter der alten Dosenfabrik, 

trägt ein Gewehr, größer als er,
Du verlässt Dein „Zuhause“ nur,
wenn „Zuhause“ Dich nicht bleiben lässt,


niemand verlässt sein „Zuhause“,
außer „Zuhause“ vertreibt Dich
Feuer unter den Füßen
das Blut heiß in Deinem Bauch
das konntest Du Dir niemals vorstellen
bis die Klinge „Bedrohung“ in Deinen Hals einbrannte
noch immer schwingt die Nationalhymne in Deinem Geschnaufe 

während Du Deinen Pass vernichtest in einer Flughafen-Toilette 
schluchzend, weil jeder Bissen Papier
die Erkenntnis nährt: Du wirst nicht zurückkehren.

Du musst kapieren,
niemand setzt seine Kinder in ein Boot,
außer, das Wasser ist sicherer als das Land,
niemand verbrennt seine Handflächen
unter Zügen
sich an das Fahrgestell klammernd
niemand sperrt sich Tage und Nächte in den Bauch eines Lasters 

gebettet auf Zeitungspapier –
wenn die Hoffnung nicht wäre auf ein größeres Ziel
als eine Ausflugsreise
während Kilometer für Kilometer sich ziehen


niemand kriecht durch Stacheldrahtzäune 
niemand will geschlagen werden bemitleidet

niemand wählt frei ein Flüchtlingslager 
oder genießt Leibesvisitationen,
die dem Körper Schmerzen zufügen -

oder bevorzugt Gefängnis,
obwohl Gefängnis sicherer ist
als eine Stadt in Flammen
und ein Gefängniswärter pro Nacht
ist besser als ein Wagenladung Männer, 

im Alter deines Vaters
niemand könnte das aushalten 
niemand könnte das verdauen 
kein Fell wäre dick genug

die
geht heim, ihr Schwarzen
Geflohene
dreckige Einwanderer
Asylanten
die unser Land aussaugen
Neger recken bettelnd die Hände hoch
sie riechen übel
Wilde,
sie haben ihr Land ins Chaos gestürzt
und tragen das Chaos zu uns nun herein – 

Worte,
schmierige Blicke –
Du nimmst sie hin,
solche Stiche sind weicher
als ein zerstochenes Bein oder zerrissener Arm


oder die Worte sind zärtlicher
als vierzehn Männer
zwischen Deinen Beinen -
oder die Beleidigungen sind leichter zu verdauen 

als Abfall
als Knochen
als der Körper Deines Kindes in Stücke gerissen.


Ich möchte nach Hause,
aber „Zuhause“ ist das Maul eine Hais
„Zuhause“ ist der Lauf eines Gewehrs
und niemand würde sein „Zuhause“ verlassen
wenn „Zuhause“ Dich nicht ans Ufer des Meeres treiben würde 

wenn „Zuhause“ dich nicht zwänge
die Füße in die Hand zu nehmen
deine Kleider zurück zu lassen
Wüsten zu durchkriechen
Ozeane zu durchwaten

ertrinken
sich retten
Hunger leiden
betteln
Selbstachtung verlieren Überleben ist wichtiger


niemand verlässt sein „Zuhause“
bis „Zuhause“ eine schmierige Stimme in deinem Ohr ist
die dir sagt -
geh,
hau‘ jetzt ab von mir
ich weiß nicht zu was ich geworden bin
aber ich weiß, dass es im „überall“
sicherer ist als hier. ___________________________________________________________________

Warsan Shire ist eine 1988 in Kenia geborene Somalische Lyrikerin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in London.
Warsan hat ihre Gedichte sowohl in Großbritannien als auch international in vielen Lesungen vorgestellt; unter anderem in Südafrika, Italien, Deutschland, Kanada, Nordamerika und Kenia. Ihr erster Gedichtband: „Teaching My Mother How To Give Birth“ wurde 2011 vom Verlag flipped eye veröffentlicht. Ihre Gedichte sind in den Zeitschriften
Wasafiri, Magma und Poetry Review erschienen, ebenso in der Anthologie „The Salt Book of Younger Poets“ (Salt, 2011). Beim SPOOK Magazin ist Warsan Redakteurin für den Bereich Lyrik. 2012 vertrat sie Somalia beim Poetry Parnassus, dem internationalen Poeten-Festival auf der Southbank in London.
Warsan ist Autorin im Complete Works II Programm, das afrikanische und asiatische Poeten in Großbritannien fördert. Ihre Gedichte wurden in Italienisch, Spanisch und Portugiesisch übersetzt. Außerdem ist Warsan Shire die unangefochtene Gewinnerin des 2013 zum ersten Mal von der Brunel Universität vergebenen Preises für Afrikanische Poesie.

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