Mittwoch, 24. November 2010

Meine schönste Weihnachtsgeschichte

Der Dreckspatz - von Ernst Lange

„Wir arbeiteten damals mit einer Hand voll Christen aus aller Welt in einer Siedlung von sehr, sehr armen Menschen. Sie wohnten nicht in Häusern, sondern in Baracken und Hütten, die so schlecht waren, dass der Regen hereinlief und der Wind hindurch pfiff. Und so gross war die Not, dass die Bewohner allen Mut verloren hatten, sich selbst zu helfen. Darum hatten wir uns vorgenommen, ihnen ihre Hütten halbwegs herzurichten, damit sie im Winter nicht erfrieren müssten.

Eines Tages kam Peggy, eine Amerikanerin, zu uns, um uns bei unserer Arbeit zu helfen. Peggy war ein wunderschönes Mädchen. Und das Schönste an ihr war, dass sie immer aussah, als hätte sie gerade ein Bad genommen und sich umgezogen. Sie sagte immer: „Schmutz macht mich krank."

Am nächsten Morgen zeigte ich ihr die Siedlung. Sie machte ganz erschreckte Augen. „Mein Gott", sagte sie immer wieder, „wie schrecklich, wie schmutzig!" Und als wir dann die Hütte betraten, in der wir arbeiten wollten, wäre sie fast auf der Türschwelle schon wieder umgekehrt. Es sah wirklich schrecklich aus in der Hütte. Die Witwe, die mit ihrem kleinen Jungen in ihr wohnte, war schon seit Wochen krank und konnte nicht mehr recht für sich sorgen. Es stank abscheulich. Auf dem Spülstein und dem Herd türmte sich das schmutzige Geschirr.

Und das Bejammernswerteste war der kleine Junge. Er lag neben seiner Mutter auf dem Bett und schlief. Vielleicht vier Jahre war er alt. Sein mageres Körperchen war in unsagbar schmutzige Lumpen eingehüllt. Das schwarze Haar war verklebt und verfilzt.

Er wachte auf, als wir näher traten. Sofort hing sein Blick wie gebannt an Peggy. „Tante", sagte er wie verzaubert. Wahrscheinlich hatte er noch nie etwas so Schönes gesehen wie Peggy. „Schöne Tante!" Und juchzte laut. Er glitt vom Bett herunter. Er breitete die Arme aus und kam auf Peggy zugelaufen.

Ich sah, wie sie totenbleich wurde. „Nein", sagte sie, „nein!" Und wich zurück. Aber das Kind setzte seinen Weg fort, wollte sie offenbar umarmen. „Geh weg!", schrie Peggy ausser sich. „Geh weg!" Und als der Junge immer näher kam, tat sie etwas Schreckliches. Sie gab ihm einen harten Stoss vor die Brust, dass er hintenüber stürzte und bitterlich zu weinen anfing. Dann stürzte sie hinaus, ebenfalls weinend."

„Ich ging ihr nach. Aber sie lief wie gehetzt vor mir her. Ich fand sie erst im Lager wieder. Sie war dabei, ihre Koffer zu packen. „Aber Peggy", sagte ich, „das ist doch nicht dein Ernst." „Doch", antwortete sie, „ich reise ab. Ich halte das nicht aus. Es ist zu widerlich." „So", sagte ich, „Menschen in Not sind dir widerlich. Möchte wissen, warum du überhaupt hergekommen bist. Schliesslich ist das hier kein Erholungsurlaub. Wir sind hier, weil wir Christen sind und weil diese Menschen uns brauchen." „Es hat keinen Zweck", erwiderte sie, „ich ertrage den Schmutz einfach nicht. Ich habe mir eben zu viel zugetraut."

Und damit nahm sie ihr Gepäck - das meiste hatte sie ja noch gar nicht ausgepackt - und lief hinaus, als könnte sie es auch nicht eine Minute länger bei uns aushalten. Ich folgte ihr. Ich nahm ihr die Koffer ab. Ich wollte sie zur Bahn bringen, vielleicht überlegte sie es sich doch noch anders. Der Weg zur Strassen- bahn führte an dem Haus vorbei, in dem wir gerade gewesen waren. Und das war unser Glück. Wir sahen den Jungen schon von Weitem. Er sass auf der Strasse und beguckte sich die vorüberfahrenden Autos.

„Komm bloss", sagte Peggy gehetzt, „komm, schnell!" Und sie ging weiter, so rasch sie konnte. Aber der kleine Junge hatte uns schon gesehen. „Tante", schrie er und breitete wieder seine Ärmchen aus, „Tante!", und juchzte. Da blieb Peggy wie angewurzelt stehen. „Mein Gott", sagte sie, „und ich habe ihm doch wehgetan. Ich habe ihm doch wehgetan!" Dann ging alles sehr schnell. Die beiden setzten sich zur gleichen Zeit in Bewegung, auf der einen Seite der schmutzige kleine Junge, auf der anderen Seite die schöne vornehme Peggy. Mit ausgebreiteten Armen liefen sie aufeinander zu. In dem Augenblick kam ein Auto angerast. „Halt!", schrie ich „bleib stehen! Ein Auto!" Denn sie mussten unfehlbar in den Wagen hinein- laufen. Aber sie hörten nicht. Mitten auf der Strasse hockte Peggy sich nieder und fing den Kleinen in ihren Armen auf. Das Auto kam knapp einen Meter vor ihnen mit kreischenden Bremsen zum Stehen. Es war ein seltsames Bild. Das schöne, vornehm angezogene Mädchen, das den kleinen schmutzigen Jungen im Arm hielt und immer wieder abküsste, und davor der Autofahrer, der vor lauter Entgeisterung gar nicht zum Schimpfen kam. „Völlig übergeschnappt, was?", fragte er. „Ja", sagte ich und lachte. Kopfschüttelnd kletterte er wieder in seinen Wagen.

Ich schob Peggy hinüber auf den Bürgersteig. „Und was machen wir jetzt mit den Koffern?", fragte ich. „Vielleicht trägst du sie wieder nach Hause", antwortete Peggy. „Ich werde inzwischen diesen kleinen Dreckspatz hier säubern."

Vielleicht sagt ihr jetzt: „Das ist eine seltsame Weihnachtsgeschichte. Weihnachten kommt ja gar nicht darin vor.“ Wirklich nicht? Ich meine, wo immer ein Mensch den Stern, das helle Licht Gottes, sieht und zur Krippe aufbricht, da ist Weihnachten. 

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