Donnerstag, 21. April 2011

Karfreitag Geschichte



Vor einigen Jahren gab es auf einem New Yorker Friedhof eine erstaunliche Beerdigung. Die Trauergäste kamen zusammen, um einen jungen Mann Anfang dreißig zu beerdigen. Das erstaunliche war die Zusammensetzung der Trauergemeinde. Auf der einen Seite saßen Männer und Frauen in Kaschmir und edle Wollstoffe gekleidet. Feinste Anzüge und Kleider, beste Schuhe, zwar alles ganz schlicht und dem Anlass angemessen, aber dennoch sichtbar teuer. Auf der anderen Seite saßen Männer und Frauen, denen anzusehen war, dass sie auf der Straße lebten. Unrasierte Gestalten, verfilzte Haare, schmutzige Gesichter und Hälse, mit Kleidungsstücken, die schon lange nicht mehr gewaschen worden waren.

Sie werden sich vielleicht fragen, wie es zu dieser Beerdigung gekommen war.

Der Mann, der gestorben war, hieß Steven. Er hatte Soziologie studiert und wollte eine Doktor-Arbeit über Obdachlose schreiben, über Menschen also, die auf der Straße lebten. Steven selbst aber lebte in einem ganz anderen Milieu. Er kam aus einem wohlhabenden Elternhaus, aus der obersten amerikanischen Gesellschaftsklasse.

Einmal hatte es eine Auseinandersetzung zwischen Steven und seinem Vater gegeben. "Warum machst du dir die Mühe, dich mit diesem asozialen Pack zu beschäftigen", hatte sein Vater gesagt. "Diese Penner auf der Straße - das ist doch menschlicher Müll. Ich weiß nicht, weshalb der Staat auch nur einen Penny für die ausgibt. Die sind doch so kaputt - die kommen nie mehr aus der Gosse heraus." Steven hatte seinem Vater widersprochen, hatte versucht Partei zu ergreifen für diese Menschen, vergeblich. Sein Vater war nicht umzustimmen.

An diesem Abend beschloss er, selbst eine Weile auf der Straße zu leben, um einer von denen zu werden, über die er schreiben wollte. Er wollte selbst wissen, wie sich das anfühlte. Und er wollte versuchen, ob es nicht möglich sei, Menschen aus der Gosse herauszuholen. Seinen Eltern und Freunden sagte er, er wolle sechs Monate nach Europa reisen. Dann tauchte er ab.

Als er ein Obdachloser wurde, hatte er nur ein paar alte Klamotten und eine Mottenzerfressene Decke mitgenommen, ein paar Dollars in der Tasche. Allerdings hatte er sich in sein Unterhemd zwei Hundert-Dollar-Scheine eingenäht. Sie waren seine Sicherheit.

Als erstes fiel ihm auf, wie die Leute wegguckten, wenn er ihnen auf der Straße entgegen kam. Das war er nicht gewohnt. Steven war ein attraktiver Bursche, bisher stets modisch angezogen. Die Frauen sahen ihn normalerweise an. Und auch die Männer. Aber jetzt wandte jeder den Blick von ihm ab.

An einer Straßenecke traf Steven eine Gruppe von Obdachlosen. "Heh, hast du Kohle!" - riefen sie ihm gleich zu. Als er einen Fünf-Dollar-Schein aus der Tasche zog, grölten sie alle. Der Schein wurde beschlagnahmt, einer ging in den Kiosk an der Ecke und kam mit ein paar Bierdosen zurück. Fortan war er aufgenommen in der Gruppe. Dachte er zumindest.

Am Abend ging er mit der Gruppe in eine der Straßen, in denen mehr Ruinen als bewohnbare Häuser anzutreffen sind. In einer solchen Ruine übernachtete die Gruppe. Als er am Morgen aufwachte, hatte er am Kopf eine Beule und höllische Schmerzen. Von den anderen aus der Gruppe war niemand mehr zu sehen. Er wollte in seine Hosentaschen fassen, aber seine Hose war weg. Auch sein Pullover war verschwunden. Seine Sachen waren offenbar zu gut gewesen. Zum Glück war ihm das eingenähte Geld im Unterhemd geblieben.

Steven wollte aufstehen und sich zu einem Taxistand schleppen. "Nur nach Hause!", dachte er sich. Aber im Treppenhaus brach er zusammen und wurde bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, beugte sich eine Frau über ihn, verfilzte Haare, dreckige Hände, sie roch nach Alkohol. Eine andere Gruppe von Obdachlosen hatte ihn entdeckt. Sie hatten erkannt, was mit ihm geschehen waren. Und sie hatten Mitleid mit ihm. Ehe Steven sich richtig von dem Schlag, den er offensichtlich abbekommen hatte, erholen konnte, hatten sie ihm schon eine Hose und einen Pullover organisiert. Beide ziemlich zerschunden und stinkend. Aber besser als nichts.

Mit diesen Leuten hatte Steven eine Gruppe gefunden, zu der er gehörte. Sie zeigten ihm, wie man sich etwas Geld verdiente, in dem man eine Parklücke, die irgendwo entstanden war besetzte und sie frei hielt, bis jemand dafür einen Dollar bezahlte. Sie zeigten ihm, wo man in den Supermärkten für wenig Geld die Lebensmittel bekam, deren Verfallsdatum schon abgelaufen war. Steven lernte schnell und war schon bald einer der ihren. Aber auch sie lernten von ihm. Am Abend, wenn die Gruppe in einer der Ruinenhäuser saß und aus ein paar Brettern ein Feuerchen gemacht hatte, um sich daran zu wärmen, erzählte Steven Geschichten. Geschichten von seinem Großvater, der Farmer gewesen war, Geschichten von seiner Großmutter, die eine große Familie durchbrachte. Manchmal erfand er auch einfach Geschichten.

Und durch sein Erzählen brachte er auch die anderen dazu, zu erzählen. Er hörte von einem Vater, der immer betrunken war und Frau und Kinder schlug. Er hörte die Geschichte von einem tödlichen Unfall, den einer aus der Gruppe verschuldet hatte. Weil er nicht darüber hinweg gekommen war, hatte er den Job verloren und dann auch die Wohnung, bis er sich schließlich auf der Straße wiederfand. Wenn Steven zuhörte, dann war das aber für die anderen anders als sonst. Sonst hatten sie immer ihre Traurigkeit und ihren Schmerz und ihre Wut im Alkohol ertränkt. Aber jetzt nicht. Da war einfach einer, der so zuhören konnte, dass sich etwas löste. Einer der aus einer anderen Welt kam. Mit der Zeit heilte einiges von dem, was sich in die Seelen dieser Menschen eingebrannt hatte.

Es waren drei Monate vergangen. Steven war inzwischen in der Szene der Obdachlosen zu Hause. Er hatte dort seine Rolle gefunden. Die anderen halfen ihm, seinen Lebensunterhalt zusammenzukriegen. Denn er war nicht so raffiniert und kaltschnäuzig wie sie. Und er erzählte ihnen seine Geschichten und hörte ihnen zu. In seiner sonderbaren Art war er anerkannt. Er hatte miterlebt, wie einer seiner neuen Bekannten gestorben war. Sie fanden ihn in einer Ruine in einer Blutlache liegen. Vielleicht war er einer anderen Bande in die Quere gekommen. Es war Steven, der hinging und ihn im Arm hielt, als er seine letzten Atemzüge machte.

Einer aus seiner Gruppe wollte den Absprung versuchen. Er wollte sich auf den Weg machen zurück zu seiner Familie. Aber er brauchte Geld für die weite Fahrt, für neue Klamotten, für ein Bad. Steven gab ihm die zweihundert Dollar. "Frage nicht, wo sie her sind. Nimm sie und geh zurück zu deinen Leuten. Ich wünsch dir, dass du dort willkommen bist." So schickte er seinen Freund weg.

Dann kam der Tag, als die sechs Monate vorüber waren. Am folgenden Tag wollte Steven sein Experiment beenden. Es fiel ihm nicht leicht, einfach seine neuen Freunde wieder zu verlassen. Aber er konnte nicht einfach verschwinden, er musste sich erklären. "Kommt mit mir", sagte er. "Ich helfe euch, einen Neuanfang zu finden. Ich kann euch eine Weile mit Geld unterstützen." - "Lass gut sein", sagten seine Freunde, enttäuscht darüber, dass er nicht wirklich einer der ihren war - die ganze Zeit hatten sie schon so etwas geahnt. Enttäuscht darüber, dass sie sich in ihm getäuscht hatten. "Deine Welt ist nicht unsre Welt. Wir kommen nicht zurecht in dieser Welt. Das Leben auf der Straße - das ist alles, was wir schaffen." - "Aber, in euch steckt mehr drin! Ihr könntet ein anderes Leben führen. Ihr schafft das, ganz bestimmt!"

Steven versuchte die anderen zu überzeugen. "Geh du morgen zurück nach Hause. Was sind wir schon wert." An diesem Abend wurde seit langem wieder einmal der Frust im Alkohol ersäuft.

Mitten in der Nacht wurde Steven durch ein Geräusch geweckt. Als er wach wurde, sah er, dass die Ruine, in der sie ihr Nachtlager gefunden hatten, brannte. Steven sprang auf. Er weckte die anderen: "Raus mit euch, raus!" Doch sie waren noch zu benebelt vom Alkohol, um wirklich zu begreifen, was geschah. Und sie kamen nicht wirklich auf die Beine. Steven nahm einen seiner Freunde und schleppte ihn ins Freie. Draußen regnete es, und der kalte Regen brachte die Nüchternheit. Aber diejenigen, die drinnen zurückgeblieben waren, schafften es nicht. Inzwischen war in dem Gebäude auch beißender Rauch. Dreimal noch lief Steven in das Gebäude zurück und holte seine Freunde heraus. Als er hinein gegangen war, um den letzten zu holen, stürzte das Haus ein und begrub die beiden unter sich. Als die Feuerwehr kam, konnte sie nur noch zwei verkohlte Leichen bergen.

Einige Tage später kam es zu jener Beerdigung. Während der Trauerfeier wurden unsichere Blicke zwischen den beiden Seiten ausgetauscht. Und am Ende, als die Trauergemeinde zum Grab zog, gab es eine peinliche Situation, weil die beiden Gruppen sich beim Weg durch die Tür hinaus vermischen mussten. Und der Geruch ungewaschener Leiber vermischte sich mit dem Geruch edler Parfüms und Rasierwasser.

Als die Beisetzung fertig war, ging einer von Stevens neuen Freunden zu seinen Eltern. "Steven hat mir das Leben gerettet. Er ist gestorben, weil er uns aus dem brennenden Haus herausgeholt hat. Das werden wir ihm nie vergessen. Er war einer von uns." Und dann fuhr er fort: "Wissen sie, am Abend, bevor er starb, wollte Steven mich davon überzeugen, dass mein Leben wertvoll sei, dass es mehr wert sei, als dieses Leben auf der Straße. Er sagte mir, dass es Hoffnung gebe auf ein anderes Leben. Ich habe es ihm nicht geglaubt. Aber in dieser Nacht ist Steven für diese Wahrheit in den Tod gegangen. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde diese Hoffnung nicht verraten."

Und dann kam es zu jenem denkwürdigen Augenblick, in dem Stevens Vater, gekleidet in edelste Stoffe, einigen aus der Gruppe der Obdachlosen erst die Hand schüttelte und sie dann umarmte. Fortan hörte man von ihm kein Wort der Verachtung mehr über jene Menschen auf der Straße. Denn sein Sohn war als einer der ihren gestorben.

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