Donnerstag, 10. April 2014

Kirchen heute

Nachdenklicher Bericht zum gesellschaftlichen Trend der Kirchen aus dem Tagesanzeiger

Taufen, Hochzeiten und Bestattungen: Welche Angebote der Landeskirchen sich am besten halten können. Und in welchem Kanton es am meisten Konfessionslose gibt.
Die Dienste der Kirche werden immer weniger in Anspruch genommen. Bei den Hochzeiten ist der Einbruch dramatisch. 2012 haben sich 42’654 Paare in der Schweiz zivil das Jawort gegeben. Vor den Altar in einer katholischen oder evangelischen Kirche traten jedoch nur rund 9000 Hochzeitspaare. Lediglich jedes fünfte Paar (21 Prozent) in der Schweiz liess sich also auch kirchlich trauen. Vor 20 Jahren waren es noch rund 60 Prozent mehr, wie aus der Kirchenstatistik 2013 hervorgeht.


Bei den Taufen sieht es weniger düster aus. Bei 82’164 Geburten kam es 2012 in den beiden Landeskirchen immerhin noch zu 36’469 Taufen, einem Anteil von rund 45 Prozent – also fast jedes zweite Kind wurde getauft.

Beim Tod zeigen sich noch die meisten gottesnah – oder zumindest die Angehörigen. 76 Prozent der 64’173 im Jahr 2012 Verstorbenen wurden kirchlich bestattet. Hier liegen erstmals detaillierte Zahlen vor.

Die Landeskirchen verlieren stetig an Bedeutung. Laut dem Bundesamt für Statistik gehörten in der Schweiz 2012 rund 38 Prozent der römisch-katholischen Kirche und 27 Prozent der evangelisch-reformierten Kirche an. Mehr als jeder Fünfte war konfessionslos.

Die Zahl der Menschen, die der Kirche abschwören, steigt in der Schweiz rasant. 1960 lebten in der Schweiz lediglich 0,5 Prozent Konfessionslose. Im Jahr 2000 war es bereits jeder Zehnte. Schweizweit am meisten Konfessionslose leben im Kanton Basel-Stadt. 44 Prozent der Bevölkerung in dem städtischen Kanton geben an, keiner Konfession anzugehören. Dicht dahinter folgt Neuenburg mit 39 Prozent und Genf mit 36 Prozent. Einzig in Appenzell Innerrhoden und in Uri liegt der Anteil Konfessionsloser unter zehn Prozent.

Doch das Bedürfnis, Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen zeremoniell zu begehen, stirbt nicht mit der Abgabe der Konfession. «Für viele sind diese Rituale der Grund, nicht aus der Kirche auszutreten», sagt Reta Caspar, Geschäftsführerin der Freidenker-Vereinigung. Die schweizweit grösste Organisation von Religions- und Konfessionsfreien existiert seit über hundert Jahren und hat rund 1800 Mitglieder. 15 Freidenker sind mittlerweile in der ganzen Schweiz als Ritualbegleiter unterwegs. Sie begrüssen Mitglieder und Externe zeremoniell auf der Welt, verheiraten Paare und gewähren Verstorbenen das letzte Geleit. Dies ganz ohne Gebete, Psalmen oder das Wort Gottes.
Mit dem steigenden Bedürfnis hat sich in den letzten Jahren ein Markt für säkulare Zeremonien gebildet. «Wer im Internet nach Angeboten für ausserreligiöse Rituale sucht, wird sehr schnell fündig», sagt Caspar. Gerade beim Thema Heirat seien junge Paare zufrieden mit einer zivilen Trauung und ein paar schönen Worten in einer freien Zeremonie. Vor allem die Freiheit bezüglich des Durchführungsortes werde sehr geschätzt. Immer häufiger hört man von Hochzeiten im Grünen, am See oder an speziellen Orten wie der Masoala-Halle im Zoo Zürich.
Familiärer Druck bei Taufen
Grösser sind die Zweifel beim eigenen Kind. «Häufig lassen auch kirchenferne Eltern ihr Baby kirchlich taufen», sagt Caspar. Im Gegensatz zu Hochzeiten diene die Kirche bei Taufen nicht nur als Kulisse. Hier gehe es vielmehr um ein tiefes Bedürfnis, dem Kind nur Gutes auf den Weg mitzugeben, auch wenn man selber nicht daran glaube. Zum anderen spiele bei jungen Eltern, die katholisch sozialisiert sind, auch der familiäre Druck eine Rolle.
Am meisten Anfragen erhält die Freidenker-Vereinigung zum Thema Beerdigung. «Oftmals werden sich bei dieser Gelegenheit die Nachkommen darüber klar, wie fern sie sich von der Kirche fühlen», sagt Caspar. Das werfe bei vielen Fragen auf, die man diskutieren wolle. Vor allem beim Thema Tod wolle man schliesslich ehrlich sein. Doch wo wird der Vater oder die Mutter beerdigt, wenn man sich gegen eine kirchliche Bestattung entscheidet? «Jeder Mensch hat das Anrecht auf eine Beerdigung auf dem Friedhof», sagt Caspar. Die freie Zeremonie in der Abdankungshalle oder am Grab müssten die Angehörigen jedoch selber bezahlen.

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