Samstag, 30. März 2013

Kirche für Insider

Aus der Website des Klosters Einsiedeln:

Was mich immer wieder an Abt Werlen beeindruckt: Seine selbstkritische Schlichtheit. er lässt nicht nur Kritik zu, sondern stellt sich dieser auch gleich freiwillig selber. Die Frage ist ganz zentral: Sind wir als Kirche uns bewusst, dass wir zunehmend mit unserer Art die Menschen nicht mehr erreichen? Nicht nur im liturgischen Gottesdienst, sondern vor allem im Alltag.

Predigt an Gründonnerstag 2013




28. März 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Martin Werlen
Liebe Schwestern und Brüder

Gestern Abend hatten wir an der Stiftsschule ein interessantes Gespräch mit Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern. Ein junger Lehrer, Ehemann und Vater, zeigte sein Interesse an Gottesdiensten. Aber was ihn daran hindere zu gehen, sei seine Angst, dass er sich nicht richtig verhalte. Weil er nicht regelmässige gehe, komme ihm vieles fremd vor. Tatsächlich: Unsere Gottesdienste sind für Insider. Die Zahl der Mitfeiernden in den Gottesdiensten ist in den vergangenen Jahrzehnten kleiner geworden. Der gesellschaftliche Druck sorgt nicht mehr dafür, dass "alle" da sind. Aber: Es ist nicht unsere Berufung, dem nachzutrauern, wohl aber, uns der heutigen Situation zu stellen und daraus das Beste zu machen – wirklich das Beste.

Bei der Feier der Gottesdienste gehen wir immer noch fast selbstverständlich davon aus, dass alle mit unseren Riten vertraut sind. Suchende Menschen kommen sich dabei oft fast fremd und nicht abgeholt vor. Wir sind herausgefordert - gerade als Insider - Brücken zu bauen. Wir müssen den Kontakt zu diesen Menschen suchen, von ihnen erfahren, wo sie in ihrer Suche stehen und von ihnen lernen. Dazu ruft uns Papst Franziskus seit seiner Wahl durch Wort und Tat auf. Vor der Papstwahl hat er im Kreis der Kardinäle gesagt: "Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank. Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus. … Die egozentrische Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach aussen treten."

Im Gottesdienst, den wir jetzt miteinander feiern, wird uns ein Zeichen vor Augen geführt, das auch für Nicht-Insider überraschend und verständlich ist. Wir haben soeben davon gehört: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füsse (Joh 13,1-15). Hier kommt zum Ausdruck, was Jesus am Herzen liegt. "Unsere Macht ist der Dienst", sagte Papst Franziskus kurz nach seiner Wahl zum Bischof von Rom. "Unsere Macht ist der Dienst" – das ist Tradition unseres Glaubens, die wir immer neu entdecken müssen, auch heute. Die Fusswaschung ist ein deutliches Zeichen für diese Haltung. Aber so einfach ist das nicht. Letztes Jahr fiel in einer Kathedrale die Fusswaschung aus. Alles war vorbereitet. Der Pfarrer hatte eine Gruppe von 12 Jugendlichen zusammengesetzt, die sich auf das Sakrament der Firmung vorbereiteten. Aber unter den Menschen, die gefirmt werden, waren – für den Bischof überraschend - auch junge Frauen. Der Pfarrer war – Gott sei Dank – nicht bereit, die Frauen durch Männer zu ersetzen. Und so fiel die Fusswaschung aus. Das ist leider nicht überraschend. Selbst in Rom hat der Papst in der Abendmahlsfeier jeweils Priestern die Füsse gewaschen.

Dieses bis anhin für viele Insider noch selbstverständliche Geschehen am Gründonnerstag führt uns deutlich vor Augen, wie sich Verantwortungsträger in der Kirche immer noch schwer tun mit dem Ja zur Frau. Das Geschlecht des Menschen gehört nicht zum Glaubensgut, aber das Ja zum Menschen, ob dieser nun Mann oder Frau ist. Der heilige Paulus drückt diese Haltung prägnant aus: "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus" (Gal 3,28).

Selbstverständlich: Jesus hat den Aposteln die Füsse gewaschen. Wenn wir dieses Zeichen aber aufnehmen und heute meinen, wir dürften nur Männern die Füsse waschen, so zeigt das, wie wenig wir noch verstanden haben, was Gott uns sagen will. Jesus hat uns nicht gesagt, wir müssen den Aposteln die Füsse waschen, sondern: Ihr müsst den Menschen dienen. "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (Joh 13,15). Die Menschen sind nicht für die Kirche da, sondern die Kirche für die Menschen. Wenn wir einfach um uns selber kreisen, selbst garniert mit frommen Sprüchen, verraten wir die Botschaft, die uns anvertraut ist. Zudem vergessen wir, was in der Tradition der Kirche selbstverständlich ist: Maria von Magdala wurde von grossen Heiligen "Apostolin der Apostel" genannt.

Seit 12 Jahren habe ich für die Fusswaschung jeweils eine Gruppe von Menschen eingeladen, die ein gemeinsames Thema verbindet: Verantwortliche in der Gastronomie, asylsuchende Menschen, Initiativkomitees von Kirchendemonstrationen, Politikerinnen und Politiker, behinderte Menschen, Ärzte und Therapeutinnen und Therapeuten usw. Selbstverständlich waren darunter Frauen und Männer. Bei der heutigen Fusswaschung sind es Frauen, engagiert in der Kirche und in der Gesellschaft. Es sind Frauen, die der Frauenrat der Bischofskonferenz für heute zu einem Runden Tisch hierher ins Kloster Einsiedeln eingeladen hat. Seit 14 Uhr haben wir uns intensiv miteinander dem Thema gestellt: "Frauen von heute in der Kirche von heute. Miteinander die Glut unter der Asche entdecken." Mit einem Zeichen will ich jetzt wie bei jedem Donnerstagsgebet daran erinnern, dass Jesus gekommen ist, Feuer auf die Erde zu werfen; und dass er sich freuen würde, es würde schon brennen (vgl. Lk 12,49). Das verdichtet sich im Geschehen am Gründonnerstag.

(Anzünden des Feuers)

Es waren beeindruckende Stunden heute Nachmittag. Viele haben die Glut im eigenen Herzen wieder wahrgenommen. Selbstverständlich gab es verschiedenen Meinungen. Aber es war ein Suchen und Ringen. Es wurde klar: Frauen wurden in der Kirchengeschichte immer wieder übersehen, übergangen, unterdrückt. Das macht betroffen. Es ist viel Unrecht geschehen – bis heute. Das schadet Frauen. Es schadet aber auch der Kirche. Ihr Zeugnis wird auf diese Weise von Männern geschwächt. Das zeigt sich auch bei der Fusswaschung, wenn wir dort eine Insider-Kirche bleiben. Wir verpassen die Möglichkeit, Zeichen zu setzen, die bewegen. So schafft die Kirche "das Kunststück, sogar noch im Sitzen schlecht dazustehen" (Christiane Florin).

Wenn wir mit offenem Herzen an dieser Feier sind, wird uns aufgehen, dass die grosse Frage in der Kirche nicht ist: Wer darf was tun? Wer darf was nicht tun? Sondern: Wie können wir Jesus Christus heute verkündigen, nicht nur mit Worten, sondern mit dem ganzen Leben. Übrigens: Zu dieser Stunde feiert Papst Franziskus in einem Jugendgefängnis in Rom die Abendmahlsliturgie und wäscht jungen Frauen und Männern die Füsse – so wie er das auch als Erzbischof von Buenos Aires getan hat.

Die heutige Fusswaschung hier in der Klosterkirche ist ein Zeichen der Wertschätzung, der Dankbarkeit, der Liebe. Dieses Zeichen mag auch noch besonders überraschen. Es sind elf Frauen, nicht zwölf. Eine der Frauen war aufgrund der in der Kirche gemachten Erfahrung nicht dazu bereit, die Füsse waschen zu lassen. Dafür habe ich Verständnis. Und doch werden zwölf Menschen die Füsse gewaschen…

Mögen in unseren Gottesdiensten und in unserem Alltag auch Fernstehende und Suchende erfahren, dass unsere Macht der Dienst ist – und dass wir selbst die Demut haben, uns auf überraschende Weise bedienen zu lassen!

Bemerkung: Ein Stuhl blieb bis zum Schluss der Fusswaschung frei. Dann setzte sich Abt Martin darauf, zog Schuhe und Strümpfe aus, und durfte den eindrücklichen Dienst der Fusswaschung von der Frau empfangen, für die der Stuhl bereitgestellt war.

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