Montag, 18. Januar 2010

Facebook Aussteigen 3

Interessanter Artikel im Tagi:

Holländische Künstler vereinfachen den Ausstieg aus sozialen Netzwerken. Facebook hat die virtuelle Sterbehilfe bereits gesperrt.

Virtuell sterben: Der Ausstieg aus Facebook und Co. ist gar nicht so einfach.
Bild: Keystone

In den letzten Momenten vor dem Tod, so heisst es, ziehe das eigene Leben wie ein Film vor den Augen vorbei. Ähnlich endet auch das Parallelleben, welches man bei Facebook, Twitteroder Myspace führen kann – wenn man es mittels der Web 2.0 Suicide Machine beendet. Die Website der holländischen Firma Moddr, hinter der wiederum eine Künstlergruppe aus Rotterdam steht, merzt das virtuelle Dasein in sogenannten sozialen Netzwerken aus. Man gibt auf suicidemachine.org einfach seine Login-Daten an und kann am Bildschirm mitverfolgen, wie etwa die Facebook-Freunde einer nach dem anderen aus dem eigenen Profil entfernt werden, man automatisch aus sämtlichen Gruppen verschwindet, denen man beigetreten ist, und mehr. Zu guter Letzt ändert die Suicide Machine das Passwort des eigenen Kontos ab, sodass man sich, selbst wenn man möchte, nie wieder einloggen kann.

Ganz gelöscht wird das Profil nicht (das können nur die Facebook-Betreiber selbst), dafür ist man fortan Mitglied der Facebook-Gruppe SNS (Social Network Suiciders), die derzeit etwas unter 400 Mitglieder zählt.

«Ich fahre wieder Fahrrad»

Auf der Website der Suicide Machine kann zudem, wer möchte, noch ein paar «letzte Worte» hinterlassen. Sämtliche Suiciders sind hier mit Bild (etwa ihrem letzten Profilbild aus Facebook) auf einer Art digitalem Friedhof verewigt. Er werde jetzt wieder Fahrrad fahren, schreibt einer. Twitter sei doch bloss Zeitverschwendung gewesen, ein anderer. Und Nutzer «kyrrelys» zeigt sich erleichtert, nun endlich an einem besseren Ort angekommen zu sein.

Gemeint ist allerdings nicht ein allfälliges Leben nach dem Tod, sondern das reale Leben im Hier und Jetzt. Wieder mehr Zeit mit den echten Freunden zu verbringen, nehmen sich viele der Aussteiger vor. Dies ist auch die Botschaft des reichlich übertrieben wirkenden Werbevideos auf der Moddr-Website.

Wer das nun sofort ausprobieren möchte, hat allerdings Pech gehabt. Facebook hat Moddr vergangene Woche per Anwalt untersagt, den Dienst weiterhin anzubieten, und blockiert Aufrufe von IP-Adressen der Firma. Als Begründung wird darauf hingewiesen, dass die Weitergabe von Nutzer-ID und Passwörtern, wie es für den Dienst nötig ist, nicht gestattet ist. Die Suicide Machine betont übrigens, keine Passwörter oder persönlichen Angaben zu speichern.

Bitte bringen Sie sich später um

Darüber hinaus ist die digitale Sterbehilfe derzeit überhaupt nicht verfügbar; es erscheint lediglich eine Meldung, die Technik sei mit den vielen Anfragen überfordert. Man solle doch seinen Selbstmord 2.0 bitte auf später verschieben – ihren Humor haben die Initianten der Selbstmordmaschine jedenfalls nicht verloren.

Nicht einmal 1000 Leute haben sich mit Hilfe von Moddr von Facebook, Twitter, Myspace und LinkedIn permanent verabschiedet. Angesichts der Gesamtzahl von Anwendern (allein bei Facebook sind es über 350 Millionen weltweit) also ein verschwindend kleiner Teil. Dennoch genug, um die Betreiber nervös zu machen und die Anwälte loszuschicken. Denn ein unauffällig brachliegendes Konto ist gegenüber den Werbekunden immer noch mehr wert als ein sichtlich unbrauchbar gemachtes, wie es Suicide Machine hinterlässt. Wie viele inaktive, kaum oder gar nicht mehr genutzte Konti es gibt, darüber schweigen die Betreiber. Der Anteil, so darf gemutmasst werden, dürfte aber beachtlich sein. Und eine Facebook–Gruppe wie SNS könnte diesen unangenehm sichtbar machen, sollte sie denn plötzlich exponentiell wachsen. Dieses Risiko will Facebook offenbar nicht eingehen.

Die Betreiber der Selbstmordmaschine wollen sich nicht abschrecken lassen und haben bereits ein neues Ziel ausgemacht: Nichts weniger als die automatische Löschung aller persönlichen Daten bei Google wollen sie dereinst ermöglichen.

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